Allofmp3
siehe auch
The RIAA’s Russian front - The U.S. recording industry is in a
one-sided showdown with retailer AllofMP3.com, and chances are good that this
time Goliath won’t win
Von Christoph Seidler
Die russische Webseite Allofmp3 verkauft Musikdownloads zu Spottpreisen. Die juristische Grundlage dafür gilt als dürftig, doch das stört das Unternehmen nicht, das im Stillen seine Geschäfte macht. SPIEGEL ONLINE hat sich auf die Spuren eines der ärgsten Feinde der Musikindustrie gemacht.
Die vierspurige Planetnaya-Straße liegt etwas außerhalb des Zentrums von
Moskau, in der Nähe der Metrostation "Aeorport". Eine mittelmäßig repräsentative
Wohngegend mit einigen kleinen Geschäften. Im Haus Nummer 29, wo auf einigen der
Balkons Gras wächst und im Keller ein kleiner Pelzladen ums Überleben kämpft,
sitzt einer der ärgsten Feinde der Musikindustrie: die Firma Media Services Inc.
Vielleicht.
Media Services Inc. ist Betreiber der Webseite Allofmp3, die auf juristisch
höchst fragwürdiger Basis Musikdownloads anbietet - und mit Kampfpreisen von
einigen Cent pro Lied iTunes und Konsorten das Fürchten lehrt.
Das Angebot der Russen ist zwar kleiner als das von iTunes, aber trotzdem
beeindruckend: Die Datenbank enthält weit über 300.000 Titel - beziehungsweise
gut 25.000 komplette Alben. Darunter sind rund 1200 Filmsoundtracks und fast
1000 Klassik-CDs. Und auch die Charts sind vollständig erhältlich. Neben den
Hitlisten aus den USA, Großbritannien, Deutschland, Frankreich oder Italien gibt
es auch spezielle Angebote für aktuelle HipHop- oder Elektronik-Titel.
Doch eine Spur von Media Services Inc. sucht man in der Moskauer Planetnaya
Straße vergeblich - und das obwohl sich laut Firmenangaben genau dort der
Hauptsitz des Unternehmens befindet. Wohnungen und Briefkästen im Haus Nummer 29
tragen keine Namen, sind wie in Russland üblich nur nummeriert. Von einem
Firmenschild ist weit und breit nichts zu sehen und auch die Bier trinkenden
jungen Männer im Innenhof des Hauses haben von Media Services Inc. nach eigenem
Bekunden noch nie etwas gehört.
Allofmp3 beschäftigt Gerichte - nur nicht in Russland
Dafür, dass Allofmp3 in Russland so auffällig unauffällig ist, hat das Angebot
weltweit allerdings hohe Wellen geschlagen. Im Frühjahr beschäftigte es zum
Beispiel die deutschen Gerichte. Das Landgericht München I erließ auf Antrag
sechs führender Musikkonzerne, darunter EMI Music, Sony BMG und Warner Music,
eine einstweilige Verfügung gegen Allofmp3. Danach wird dem Unternehmen
untersagt, nach deutschem Urheberrecht geschützte Aufnahmen im Web zum Download
bereitzustellen.
Für Wirbel sorgte diese Entscheidung vor allem deshalb, weil im Anschluss
zahlreiche Privatpersonen und Medienunternehmen durch eine Münchner
Anwaltskanzlei abgemahnt wurden. Sie hatten in ihrer Internet-Berichterstattung
über den Fall Links auf das Angebot von Allofmp3 gesetzt - und sich damit nach
Ansicht der Anwälte der Beihilfe schuldig gemacht. Pro Unterlassungserklärung
wären mehrere Tausend Euro Anwaltskosten fällig.
Der Heise-Verlag in Hannover, Betreiber des erfolgreichen Internetdienstes
"heise online", sah das anders und wollte die Links deswegen nicht entfernen.
Durch eine weitere einstweilige Verfügung
wurde der
Verlag allerdings dazu gezwungen. Ein Aufschrei wegen der vermeintlichen
Einschränkung der Pressefreiheit ging durch die Medien des Landes. So fürchtete
etwa die renommierte "Süddeutsche Zeitung" das Heraufziehen "chinesischer
Verhältnisse". Die deutschen Phonoverbände verteidigten das harte Vorgehen
indes. Sprecher Hartmut Spiesecke erklärte, man brauche zwar "eine freie Presse,
aber auch eine, die sich an Recht und Gesetz hält".
Allofmp3 dagegen ist sich sicher, dass das eigene Geschäftsgebaren mit Recht und
Gesetz konform ist - jedenfalls in Russland. Die Firma wird nicht müde, auf eine
Lizenz der "Russischen
Organisation für Multimedia und digitale Systeme" (ROMS) zu verweisen. Darin
ist geregelt, dass Media Services Inc. online Musik anbieten darf - und dafür im
Gegenzug Lizenzgebühren zahlt. Ob davon allerdings etwas bei den Künstlern
ankommt, darf als mehr als fraglich gelten.
Technologisch ist das Konzept der Russen allerdings sehr attraktiv. Durch die
Technologie des so genannten Online Encoding können User ihre Musik in einem
Dateiformat und in der Qualität ihrer Wahl herunterladen. Unterstützt werden
unter anderem die Formate MP3, Windows Media und Ogg Vorbis in verschiedenen
Qualitätsstufen - und zwar im Gegensatz zur Konkurrenz, etwa von iTunes, ganz
ohne Kopierschutz.
Grenzenloser Shop für ein begrenztes Publikum?
Um sich vor möglichen Problemen zu schützen, distanziert sich Allofmp3 in den
Nutzungsbedingungen ausdrücklich von möglichen Rechtsverstößen ausländischer
User: "Die Verwaltung von Allofmp3 hält nicht Schritt mit den Gesetzen
verschiedener Länder und ist nicht verantwortlich für das Handeln
nicht-russischer User."
Allofmp3 konzentriert sich nach eigenem Bekunden auf den russischen Markt. "Wir
stehen nicht im Wettbewerb mit ausländischen Anbietern. Wir arbeiten im
Wesentlichen für russische User", erklärte Media-Services-Manager Vadim Mamotin
vor rund einem Jahr
in einem
Interview. Der Prozentsatz der ausländischen Kunden sei marginal.
Doch ganz so einfach liegen die Dinge wohl nicht. Immerhin ist das gesamte
Angebot auch in englischer Sprache erhältlich, weltweite Bezahlmöglichkeiten mit
Kreditkarte oder dem Internet-Bezahldienst Paypal inclusive. Dabei nutzt die
Firma die Dienste des russischen Bezahlspezialisten "Cyberplat".
Das Interview vor einem Jahr ist die einzige öffentliche und offizielle Äußerung
eines Allofmp3-Mitarbeiters. Dieser Tage ist es nur schwer möglich, Kontakt zum
Management der Firma herzustellen. Eine freundliche junge Mitarbeiterin bittet
am Telefon um Zusendung der Fragen per E-Mail.
Einige Zeit später erhält SPIEGEL ONLINE dann eine Mail von Manager Vadim
Medvedev. Er verweist trotz einer detaillierten Anfrage mit insgesamt zehn
Fragen nur allgemein auf das Interview vor einem Jahr. "Die Situation hat sich
seitdem nicht geändert", so Medvedevs lapidare Feststellung.
Noch schweigsamer sind die Partner der Firma, unter ihnen die russische
Telekommunikationsfirma "Rosnet", auf deren Servern in der russischen Exklave
Kaliningrad das Angebot von Allofmp3 liegt. Von dort gibt es gar keine Antwort.
Währenddessen floriert das Geschäft der mehr oder weniger verborgen operierenden
Firma weiter. Im eigenen Land muss der Billigheimer unter den Downloadshops wohl
vorerst keine rechtlichen Konsequenzen befürchten. Immerhin operiert das Angebot
auch schon seit fast genau vier Jahren. Der
internationale
Musikbranchenverband IFPI hatte zwar im Frühjahr dieses Jahres versucht, das
Angebot komplett verbieten zu lassen. Nach kurzen Ermittlungen hatte die
russische Justiz das Verfahren aber eingestellt. So schnell, wie es sich die
Musikindustrie wünscht, lässt sich Allofmp3 also wohl nicht aus dem Netz
vertreiben.
Außerdem sind unterdessen Konkurrenzangebote wie der russische Dienst MP3Search
entstanden. Sie kopieren das Geschäftsmodell von Allofmp3 - und vergrößern die
Schwierigkeiten der Musikindustrie. Selbst wenn es ihr gelingen sollte, Allofmp3
eines Tages aus dem Netz zu klagen, so wie sie es Ende Mai mit dem nach einem
ähnlichen Modell operierenden spanischen Dienst Weblisten geschafft hat, wird
das Problem wohl bestehen bleiben. Die Allofmp3-Klone müssen unter Umständen nur
von Russland in andere Länder ausweichen, vielleicht nach Usbekistan oder
Nordkorea.
Dieser Text entstand unter Mitarbeit von Erik Maier
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