[24.08.2005 04:02] http://www.heise.de/tr/artikel/print/63115
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"Dummerweise gibt es so etwas wie einen territorialen Vertrieb nicht mehr", klärt Mark Pesce seine Zuhörer auf, "das alte ökonomische Modell des TV ist mausetot." Bereits zwei Stunden nachdem die Fernseh- zuschauer auf der britischen Insel in den Genuss des inzwischen mit Kritikerlob überschütteten Weltraumabenteuers gekommen waren, fand es sich in Form einer rund 350 Megabyte großen Datei im Internet wieder - natürlich befreit von störenden Werbeunterbrechungen. Mit einer handelsüblichen 2-Mbit-DSL-Leitung mussten Science-Fiction-Freunde rund um den Globus nicht mehr Monate oder gar Jahre auf ihren persönlichen Serienstart warten, sondern nur noch 30 Minuten.
Vielstimmiger Abgesang
Mark Pesce hat einst die 3D-Programmiersprache VRML mitentwickelt und einige Bücher über das Internet geschrieben. Sein neuestes Hobby ist es, wo er geht und steht den Niedergang der TV-Wirtschaft kundzutun.
Ob er mit dem Sterbezeitpunkt in den Geschichtsbüchern Recht behalten wird, sei dahingestellt. Pesce ist mit seinem Abgesang jedoch nicht allein. Ein ganzer Chor von Branchenkennern trällert mittlerweile dieses Lied. "Zeit ist für die Menschen heute ein wichtiger Faktor, die Tendenz zum ,On Demand‘ ist daher unaufhaltsam, und die neuen Technologien liefern die notwendigen Hilfsmittel", meint etwa Terry Heaton, Medienberater aus Nashville. Die Tage, als Programmchefs die Menschen zu einem bestimmten Ereignis zusammenrufen konnten, damit Werbeleute ihnen Botschaften in die Augäpfel hämmern, seien vorbei. "Gott sei Dank!"
Der Download von Filmen und Fernsehserien aus dem Netz ist keine neue Erfindung. Schon vor Jahren konnte sich jeder Netznutzer frische Videoware besorgen, sofern er Zugang zu den richtigen Kanälen im Internet Relay Chat hatte oder sich in den Diskussionszirkeln des Usenets auskannte, jenem aus zigtausend Kommunikationsforen bestehenden Geflecht, das ursprünglich dem Austausch von Neuigkeiten und Meinungen dienen sollte, in dem sich jedoch auch mühelos und anonym Musik-, Programm- und Filmdateien veröffentlichen lassen. Mittlerweile ist das Saugen von Fernsehfilmen jedoch von der Freizeitbeschäftigung einiger weniger Netzfreaks zu einem regelrechten Volkssport mutiert. Dafür sind nicht zuletzt intelligente Download-Protokolle wie beispielsweise Bittorrent verantwortlich. Sie beseitigen das alte Flaschenhals-Problem des Netzes. Hieß es früher: Je mehr Menschen eine Datei gleichzeitig herunterladen, desto langsamer geht es voran, stellen heute moderne Peer-to-Peer-Lösungen diesen Grundsatz auf den Kopf. Während eines Bittorrent-Downloads stellt jeder Nutzer automatisch jene Dateifragmente zum Upload bereit, die sich bereits auf seiner Festplatte befinden. Im Ergebnis bedeutet das: Je mehr Downloader an einer Datei ziehen, umso schneller geht es.
Des Weiteren kommt langsam Bewegung in den Breitbandmarkt. Die Preise für DSL-Flatrates sinken kontinuierlich, während die Bandbreite permanent wächst. Marktführer T-Com kündigt bereits 6-Megabit-Leitungen an. Damit wäre eine "Galactica"-Folge schon nach zehn Minuten auf der Platte. "Das Angebot von TV-Serien innerhalb der P2P-Netze hat in letzter Zeit stark zugenommen", bestätigt Jorge Antonio Gonzales vom Filesharing-Forum Zeropaid. Eine OECD-Studie aus dem letzten Jahr legt nahe, dass die Europäer und speziell die Deutschen zu den emsigsten Filmsaugern gehören. Kein Wunder also, dass auch in deutschen Fan-Foren aktuelle Folgen amerikanischer TV-Serien diskutiert werden, als seien sie gestern auf ProSieben gelaufen. Die Unterhaltungsgeräteindustrie hat diesen Trend offenbar erkannt: Immer mehr aktuelle DVD-Player spielen das Videoformat DivX ab, ein Kompressionsverfahren, das fast ausschließlich im Internet Anwendung findet.
Werbung? Nein danke!
Den Downloadern fehlt meist jegliches Unrechtsbewusstsein, schließlich geht es ja "nur" um Fernsehen. "Wir haben den Menschen 50 Jahre lang beigebracht: TV ist gratis. Das verlernen sie nicht mehr", sagt Mark Pesce. Still und heimlich kündigt so ein wachsender Teil der Zuschauer eine alte Übereinkunft auf: Privatsender liefern kostenlose Bewegtbilder ins Wohnzimmer, dafür dürfen sie diese mit Werbung unterbrechen. Besonders beliebt war dieser Deal bei den Zuschauern nie. Der Studie "TV 2010 - Die Zukunft des Fernsehens" des Softwareunternehmens Sceneo zufolge würden 97 Prozent des TV-Publikums eine Technik zum Entfernen von Werbung nutzen, wenn sie eine solche hätten. Für die Sender kam die stillschweigende Vereinbarung jedoch lange einer Lizenz zum Gelddrucken gleich: Die geschätzten Produktionskosten einer Serie wie "Desperate Housewives" liegen bei etwa 1,5 Millionen Dollar pro Episode. Die verzweifelten Hausfrauen bei ihrem Intrigenspiel 30 Sekunden lang mit einer Reklamebotschaft zu unterbrechen kostet bis zu 400000 Dollar. Maximal 40 Spots lassen sich auf die Werbeinseln quetschen; sind diese Slots ausgebucht, ergibt sich somit ein Profit von satten 967 Prozent. Die Einnahmen aus Zweit- und Auslandsverwertungen sind dabei ebenso wenig berücksichtigt wie die aus DVD-Verkäufen.
Es geht auch ein paar Nummern kleiner: Eine Folge der Telenovela "Verliebt in Berlin" kostet Sat1 etwa 60000 Euro. Wer darin 30 Sekunden lang die Werbetrommel rühren will, muss momentan 32700 Euro hinblättern. Ab dem zweiten Spot ist der Sender also in den schwarzen Zahlen. Das sind zugegebenermaßen hypothetische Idealrechnungen; die Reklameminuten werden üblicherweise rabattiert, und die Fernsehindustrie muss mit diesen Einnahmen auch ihre zahlreichen Flops kompensieren. Die Zahlen erklären aber, warum sich die Senderchefs durch ein Publikum, das über nervende Werbung murrt, nicht beim Geldzählen stören lassen wollen.
Jugendliche Fernsehmuffel
Viele murren nicht nur, sondern gehen gleich woanders hin. Bereits vor zwei Jahren stellten die Marktforscher der Nielsen Group fest: In den USA sitzt die besonders gern umworbene Gruppe der 18- bis 34-jährigen Männer immer seltener vor der Glotze, sondern wendet sich verstärkt Computerspielen und dem Internet zu. Mittlerweile ist dieser Trend auch in Europa angekommen. Laut einer Untersuchung der europäischen Werbevereinigung EIAA verbringt knapp die Hälfte der Jugendlichen unter 24 Jahren weniger Zeit vor dem Fernseher - zugunsten des Internets. "Ich vermute, das ist der Anfang vom Ende der Massenmedien", orakelt Tim Hanlon, Vizepräsident der StarCom MediaVest Group, in der "Chicago Tribune". Über diese Abwanderungsbewegung solle man sich keine Illusionen machen: "Heute sind es junge Männer, morgen Mütter und übermorgen 2- bis 11-Jährige."
Die unbeherrschbaren Kanäle des Internets sind nicht die einzige Bedrohung, die auf die Glastürme der Fernsehkonzerne zukommt. Momentan lässt der unüberhörbare Anmarsch der Festplattenrecorder - oder Neudeutsch: Personal Video Recorder (PVR) - dort die Scheiben erklirren. Diese wohnzimmerkompatiblen Aufzeichnungskistchen unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von ihren analogen Kassetten-Vorläufern. Dank On-Screen-Display und Electronic Program Guide (EPG), einer Art digitalen Programmzeitung, programmiert man einen modernen PVR mit wenigen Tastendrücken. Genauso mühelos lässt sich später die Werbung überspringen. Festplattenrecorder der zweiten Generation erkennen Reklameunterbrechungen bereits selbsttätig und schneiden diese auf Wunsch heraus. PVRs können obendrein ein und dieselbe Sendung gleichzeitig aufnehmen und wiedergeben. Ergebnis: Wer eine halbe Stunde später in einen Spielfilm einsteigt, kann sich vollständig werbefrei durch ihn hindurchspulen.
Wie die Marktforscher von Accenture vermuten, werden den TV-Sendern in den USA durch PVRs innerhalb der nächsten fünf Jahre Einnahmen in der Höhe von 27 Milliarden Dollar durch die Lappen gehen. Wer zahlt schon Unsummen für die Ausstrahlung von Werbespots, die kaum jemand sieht? Accenture geht davon aus, dass der Anteil der amerikanischen Haushalte, die einen PVR nutzen, bis zum Jahr 2009 von derzeit 8 Prozent auf 40 Prozent steigen wird. Wie üblich zockelt Deutschland diesem Trend hinterher: Gerade mal ein halbes Prozent aller Haushalte sollen hierzulande Fernsehbilder digital aufzeichnen. Allerdings zeigt die Tendenz nach oben.
Die einzigen Antworten, die den Sendern bisher auf die neuen technischen Herausforderungen eingefallen sind, sind juristischer Natur. Fünf Jahre prozessierte der Privatsender RTL gegen die Markteinführung der "Fernsehfee", einem Gerät, das während einer Werbeunterbrechung auf einen anderen Kanal schaltet. Erst der Bundesgerichtshof wies die Klage ab und erklärte, das Gerät sei für TV-Konsumenten lediglich eine "technische Hilfestellung". Trotz dieser Niederlage kann der Kölner Sender zufrieden sein: Technisch ist der kleine Werbeblocker mittlerweile überholt und hat wohl kaum noch Marktchancen.
Seit neuestem stürzen sich die Rechtsabteilungen der TV-Konzerne dafür auf das kleine Münchner Unternehmen Netlantic GmbH. Die Firma bietet mit "Shift TV" einen PVR im Internet an. Die Kunden programmieren ihre gewünschten Sendungen über ein Web-Interface und holen sie anschließend per Streaming oder Download auf ihren Rechner. Geschäftsführer Michael Westphal fühlte sich rechtlich eigentlich auf der sicheren Seite. "Ob ein Nutzer seinen Festplattenrecorder im Wohnzimmer stehen hat oder ob er sich bei uns einen virtuellen PVR mietet, macht keinen Unterschied", findet er. Das sahen vier deutsche Privatsender indes anders und deckten Westphal mit einstweiligen Verfügungen ein. Michael Westphal macht sich keine Illusionen: "Die Sender versuchen, mit klassischer Hau-drauf-Methode Zeit zu gewinnen. Das ist eine klare Marktverhinderungs-Strategie."
Ähnlich wie im Fall der Fernsehfee dürfte die endgültige juristische Klärung Jahre dauern. Ob Westphal so viel Geduld hat, wird sich zeigen. Eine Alternativmöglichkeit für sein Geschäft deutet er immerhin an: "Unser System funktioniert genauso gut, wenn es in Indien steht." Ob der "Tatort" von letztem Sonntag auf einer Festplatte in Unterföhring gespeichert ist oder auf einer in Bangalore, spielt im Internet-Zeitalter in der Tat keine Rolle. Was sagte Mark Pesce noch über territorialen TV-Vertrieb? Richtig: Er existiert nicht mehr.
Parallelen zur Popmusik Im Mai dieses Jahres ging die Motion Pictures Association of America (MPAA) erstmals juristisch gegen die Betreiber von Bittorrent-Sites vor, auf denen vorwiegend TV-Serien zu finden waren. Wer den - zumeist vergeblichen - Kampf noch vor Augen hat, den die Musikindustrie gegen das Internet führte, erlebt derzeit ein Déjà-vu.
Der Fachjournalist Janko Röttgers hat in seinem Buch "Mix, Burn, R.I.P. Das Ende der Musikindustrie" detailliert geschildert, wie schnell eine ganze Branche durch veränderte Marktbedingungen in die Knie gehen kann. Röttgers warnt: "Das rabiate juristische Vorgehen gegen Nutzer von Filesharing-Diensten hat der Musikindustrie nichts eingebracht, außer einem vollkommen ruinierten Image bei den Musikfans." Auch Medienberater Terry Heaton hält diese Strategie für fatal: "Die alten Medien fahren eine Wagenburg auf und verteidigen ihr Geschäftsmodell mit allen Mitteln." Heaton empfiehlt den TV-Sendern, stattdessen neue Geschäftsideen zu erforschen. Seine bisherigen Erfahrungen dabei: "Es ist eine harte Nuss, die da zu knacken ist. Die Sender hängen ja schon ihr ganzes Leben lang an der Brust des Massenmarketings. Die Milch schmeckt gut, aber nun ist es Zeit, erwachsen zu werden."
Auch Mark Pesce ist inzwischen mit seinem Vortrag an der Fernsehschule bei Parallelen zur Popmusikbranche angekommen: "Jahrelang hieß es, es sei unmöglich, mit Musik-Downloads im Internet Geld zu verdienen. Dann kam Apple und zeigte mit iTunes, dass es eben doch geht." Vielleicht muss auch diesmal ein Außenstehender die zündende Idee liefern?
Pesce selbst hat ein interessantes Modell für das Fernsehen von morgen entwickelt, welches TV-Konzernen allerdings kaum gefallen dürfte: Sie tauchen in diesem Gedankenkonstrukt gar nicht auf. "Als ich mehrere Folgen "Galactica" heruntergeladen und angesehen hatte, fiel bei mir der Groschen. Mir wurde klar: Ich schaue gerade auf das wertvollste Stückchen Platz der Welt: die Senderkennung." Natürlich enthalten auch die im Internet kursierenden Episoden der Weltraum-Saga in einer Bildschirmecke den Schriftzug einer TV-Station. In diesem Fall den des britischen Senders Sky One.
"Was für eine Verschwendung", schimpft Pesce, "hier in Australien kann ich Sky One überhaupt nicht empfangen." An das Millionenheer der TV-Downloader werde so eine vollkommen unnütze Botschaft verteilt. "Wie wäre es", sinniert Pesce weiter, "wenn man diese kostbare Fläche stattdessen an einen Sponsor verkaufen würde? Etwa an einen internationalen Markenartikler?" Statt der ungewissen Aufmerksamkeit, die ein Spot in einer Werbeinsel genießt, wäre das Logo des Werbetreibenden permanent präsent. Den Vertrieb übernehmen dann die Zuschauer selbst, so wie sie es jetzt bereits tun.
Der Unterschied: Nach Pesces System wäre das nicht mehr illegal, sondern - im Gegenteil - hoch erwünscht. Jede Kopie in einer Filesharing-Börse, jede auf dem Schulhof getauschte DVD erhöht schließlich die Reichweite des Films. Ein interessanter Nebeneffekt: Die Pro-Kopf-Ausgaben des Sponsors sinken mit zunehmenden Zuschauerzahlen. Steigende Quoten bedeuten fallende Preise: verkehrte Welt. Auf der Strecke blieben allerdings die TV-Sender, die als Mittler zwischen Produzent und Publikum nicht mehr nötig wären.
Doch nicht alle Senderarten sind auf Einnahmen aus der Werbewirtschaft angewiesen. Öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie ARD und ZDF finanzieren sich vielmehr großteils über Steuern oder Gebührenzahlungen. Für sie wäre das Internet eigentlich das ideale Mittel, sich von der privaten Konkurrenz abzusetzen. Die BBC wagt sich auf diesem Weg bisher am weitesten vor: Ab September können sich 5000 britische Testhaushalte mit Hilfe einer Software namens "Interactive Media Player" (iMP) zunächst durch 190 Stunden BBC-Fernsehprogramm wühlen und damit so ziemlich alles machen, was ihnen einfällt: downloaden, auf DVD brennen oder auf ein tragbares Gerät überspielen. Die Briten haben die Zeichen der Zeit erkannt: "Die fundamentalen Veränderungen in der Musikindustrie haben uns gezeigt, dass die Leute gern konsumieren, was sie wollen, wie sie wollen und wann sie wollen", sagt Ashley Highfield, BBC-Direktor für neue Medien und Technologien.
In den USA produziert das öffentlich-rechtliche Sendernetzwerk PBS mit "Nerd TV" gleich eine ganze Sendereihe zum Herunterladen. Von solcher Innovationsfreude sind die gebührenfinanzierten Sender in Deutschland noch weit entfernt: Das ZDF spricht von "rechtlichen Problemen", die sich selbst bei Eigenproduktionen ergäben, und die ARD verweist auf den "Auftrag des Gesetzgebers", der das Internet lediglich als "programmbegleitende Maßnahme" erlaube.
TV-Hit ohne TV
Derweil hat das Internet erst kürzlich bewiesen, dass das klassische Fernsehen nicht mehr nötig ist, um eine Fernsehserie populär zu machen: Den Pilotfilm zur Comic-Verfilmung "Global Frequency", einer Mischung aus "Alias", "Mission: Impossible" und "Akte X", hatten die Warner Brother Studios bereits im Herbst 2004 produzieren lassen. Offenbar gefiel das Ergebnis den Entscheidern aber nicht, denn die Episode landete ungesendet im Archiv.
Auf wundersame Weise fand sie von dort im Juni dieses Jahres ihren Weg ins Internet - und wurde zum wahrscheinlich ersten TV-Hit, der nie im TV lief. Fan- Sites sprossen aus dem Web, und Drehbuchautor John Rogers erhielt Hunderte von begeisterten E-Mails. In seinem Blog schreibt er: "Ich fluche und schimpfe darüber, wie diese emergente Technologie die Entertainment-Industrie verändert, ohne dass jemand einen Vorteil daraus zieht." Derzeit befindet sich Rogers in Gesprächen mit den zuständigen Produzenten bei Warner Brothers. Die Chancen, dass die Fan-Kampagne aus dem Netz die Fernsehdirektoren umstimmen könnte, schätzt er allerdings als "sehr, sehr klein" ein.
Wenn "Galactica" wirklich den Todeszeitpunkt des alten Fernsehmodells markiert, steht die Geschichte von "Global Frequency" zwar noch lange nicht für die Geburtsstunde eines neuen TV-Systems, zumindest aber wohl für einen positiven Schwangerschaftstest.
(Entnommen aus Technology Review Nr. 9/2005[1]; das Heft können Sie hier[2] bestellen.)
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Die Motion Picture Association of America (MPAA[1]) hat beim Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung gegen das in der Schweiz gehostete Webangebot The-Realworld.de[2] (TRW) erwirkt. Wulf Rajek, der in Schottland lebende deutschstämmige Betreiber der Site, sah sich mit zwei Klagen der Lobbyvereinigung Hollywoods im Auftrag von Mitgliedsunternehmen konfrontiert. The Realworld soll nach Angaben der MPAA Links zu eDonkey-Angeboten mit Mitschnitten von über 900 TV-Shows in zahlreichen Sprachen vorgehalten und somit dem wachsenden Trend zum Filesharing von Fernsehsendungen[3] Vorschub geleistet haben. Im Netz findet sich aber auch ein Screenshot[4] von TRW, der gar auf Links zu 1131 TV-Shows hinweist. 2005 will die Lobbygruppe 90 Millionen Seitenabrufe und allein an einem Spitzentag im Mai 600.000 Hits auf der Site ausgemacht haben. Das urheberrechtlich relevante Material selbst befand sich freilich nicht auf dem Server.
"Der Schutz der Fernsehindustrie ist absolut notwendig", betont der Chef der weltweiten Anti-Pirateriebemühungen der MPAA, John Malcolm, anlässlich des juristischen Erfolgs Hollywoods. Der "Internet-Diebstahl jeglichen kreativen Materials" sei nicht akzeptierbar. Die Rechtsverletzer müssten zudem erkennen, "dass sie nicht anonym sind". Die Vertretung der US-Filmindustrie versucht bereits seit längerem mit Hilfe der Site Respect Copyrights[5] potenzielle Raubkopierer von ihrem Tun abzubringen. Laut Malcolm ist das vermeintliche Fernseh-Surfen, das laut der Marktforschungsfirma Envisional in 2004 um 150 Prozent zugenommen habe, keineswegs ein Kavaliersdelikt, auch wenn digitale Videorecorder das Aufnehmen von Sendungen zum Kinderspiel machen. Jede TV-Serie hänge nämlich von verschiedenen Verwertungsketten und internationalen Verkäufen ab, um ihre Kosten wieder einzuspielen.
Rajek hatte bereits Mitte der Woche The Realworld vom Netz genommen, nachdem schon in den vergangenen Monaten insbesondere Links auf Sendungen von großen US-Filmkonzernen häufig rasch wieder von der Site verschwanden. Um sich rechtlich verteidigen zu können, bittet er unter der Domain nun um Spenden. Die MPAA will gegen ihn sowie gegen den Provider Schadensersatzansprüche gemäß deutschem Urheberrecht geltend machen und hofft auf ein hartes Urteil in den anstehenden Prozessen für den Betreiber der Site. Sie vergisst daher nicht zu erwähnen, dass bei gewerblichen Urheberrechtsverletzungen im großen Stil Haftstrafen bis zu fünf Jahren drohen. Ähnliche Fälle wie der Streit um LokiTorrent.com[6] endeten aber letztlich mit einem Vergleich vor Gericht. In Deutschland ist momentan insbesondere die GEMA aktiv im Kampf gegen eDonkey-Portale[7], wobei sie auch auf Sperrungsverfügungen gegen Provider setzt.
Siehe dazu auch:
(jk[21]/c't) (jk/c't)
URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/newsticker/meldung/63290
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[1] http://www.mpaa.org/
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[4] http://img282.imageshack.us/my.php?image=trw6xc.jpg
[5] http://www.respectcopyrights.org/
[6] http://www.heise.de/newsticker/meldung/56292
[7] http://www.heise.de/newsticker/meldung/61331
[8] http://www.heise.de/newsticker/meldung/60373
[9] http://www.heise.de/tr/artikel/63115/
[10] http://www.heise.de/newsticker/meldung/61331
[11] http://www.heise.de/newsticker/meldung/59762
[12] http://www.heise.de/newsticker/meldung/59528
[13] http://www.heise.de/newsticker/meldung/57716
[14] http://www.heise.de/newsticker/meldung/56803
[15] http://www.heise.de/newsticker/meldung/56292
[16] http://www.heise.de/tr/aktuell/meldung/55119
[17] http://www.heise.de/newsticker/meldung/54715
[18] http://www.heise.de/newsticker/meldung/54476
[19] http://www.heise.de/newsticker/meldung/54273
[20] http://www.heise.de/newsticker/meldung/54237
[21] mailto:jk@ct.heise.de
Die deutsche Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (GEMA[1]) fordert von 42 deutschen Zugangsprovidern, mehrere Websites für den Abruf zu sperren. Dabei geht es um Portale, die Links zum Herunterladen von Film- und Musikdateien über das P2P-Tauschbörsenprotokoll eDonkey bereitstellen, genauer um die deutschsprachigen Angebote Eselfilme, Goldesel, Saugstube, Audio-Esel und Power-Portal.
Auf 35 Seiten, die jeden der 42 Provider am gestrigen Donnerstag erreichten, breitet die von der GEMA beauftragte Rechtsanwaltskanzlei BBH[2] ihre Argumentation für die Sperrungsaufforderung aus. Sie sieht es als bewiesen an, dass "über diese illegalen Download-Portale Millionen von nicht lizenzierten Dateien von Endnutzern heruntergeladen/kopiert" werden, "ohne zuvor die jeweiligen Lizenzen bei den Rechteinhabern eingeholt zu haben". Der Anbieter von eDonkey-Links sei "mittelbar an der durch den jeweiligen Endnutzer vorgenommenen Urheberrechtsverletzung beteiligt, indem er diesem den Zugang zu der rechtsverletzenden Datei im Filesharing-System ermöglicht bzw. erleichtert und damit für den Download ursächlich wird". Auch der Endnutzer selbst begehe Urheberrechtsverstöße.
Weil die "Betreiber/Hintermänner" dieser "illegalen Download-Portale" sich "nur äußerst schwer oder gar nicht ermitteln lassen können" und "die Server selbst an unterschiedlichen Orten weltweit verstreut" seien, könne man verlangen, dass "die Vermittler", also die Zugangsprovider den Zugriff unterbinden. Rechtliche Grundlage für dieses Begehren der GEMA ist Paragraph 97[3] des deutschen Urheberechtsgesetzes in Verbindung mit der EU-Richtlinie 2001/29/EG (PDF[4]), in deren Artikel 8 Abs. 3 festgelegt ist, dass "die Rechteinhaber gerichtliche Anordungen gegen Vermittler beantragen können, deren Dienste von einem Dritten zur Verletzung eines Urheberrechts oder verwandter Schutzrechte genutzt werden".
Diese Passage ist zwar nicht explizit in ein deutsches Gesetz eingeflossen. Aber das geltende Teledienstegesetz (TDG) sehe vor[5], dass Zugangsprovider eine Verpflichtung zur "Entfernung oder Sperrung der Nutzung von Informationen" haben, wenn sie von deren Rechtswidrigkeit in Kenntnis gesetzt werden. Anschließend folgt in der Sperrungsaufforderung der Satz: "Daher machen wir Sie darauf aufmerksam, dass Sie nun ab Zugang dieses Sperraufforderungsschreibens -- auch nach dem TDG -- positive Kenntnis von den umfangreichen Urheberrechtsverstößen auf den o.g. Seiten besitzen."
Die GEMA schlägt den Providern eine Sperre der Sites auf DNS-Ebene vor: "Der DNS-Server des jeweiligen Zugangsproviders kann so konfiguriert werden, dass Anfragen von Endnutzern nicht an den richtigen Server, sondern an eine ungültige oder eine andere vordefinierte Seite weitergeleitet werden." Diese Variante lasse sich ohne Hardware-Investition und mit geringem Personalaufwand in wenigen Stunden umsetzen, wie das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen zu den beantragten Sperrungsverfügungen[6] des Regierungspräsidiums bereits 2003 festgestellt habe. Daher sei sie den Unternehmen "sehr wohl zuzumuten". Den Providern stehe es aber frei, "nach vorheriger Rücksprache mit unserer Mandantschaft" eine andere technische Sperrmethode zu wählen. Der beauftragte Anwalt erwähnt freilich nicht, dass sich derlei Sperrungen durch Endnutzer leicht umgehen lassen, indem sie auf einen anderen als vom Provider vorgegebenen DNS-Server ausweichen.
Von den Providern wird gefordert, eine Unterlassungserklärung zu unterzeichnen, nach der sie bis zum 25. Juli dem Sperrungsbegehren Folge zu leisten haben. In der Erklärung sind auch diverse Web-Adressen genannt, unter denen die Portale ebenfalls zu erreichen sind. Unterschreiben die Provider die Erklärung, verpflichten sie sich zur Zahlung einer Vertragsstrafe von 100.000 Euro, falls einer ihrer Kunden eines der genannten Angebote nach dem 25. Juli 2005 abrufen kann.
Am heutigen Freitag zeigten sich die Zugangsanbieter verblüfft, weil die GEMA nicht zuerst ein Musterverfahren ansgestrengt hat, sondern gleich mehrere Dutzend Unternehmen angeht. Die von der GEMA beauftragte Kanzlei stellte im Anschreiben heraus, dass sie "beauftragt wurde, das zivilrechtliche streitige Verfahren zu eröffnen, falls die geforderten Handlungen nicht fristgemäß durchgeführt werden sollten".
T-Online und AOL etwa bestätigten den Eingang der Sperrungsaufforderung, wollten aber noch keine rechtliche Bewertung abgeben. Michael Frenzel, Sprecher des zweitgrößten deutschen DSL-Anbieters 1&1, bezweifelte, dass die Sperrung technisch funktioniere. Außerdem "dürfen wir doch unseren Kunden nicht einfach Web-Inhalte vorenthalten". Der DSL-Provider Strato kündigte bereits an, die Unterlassungserklärung nicht zu unterschreiben und es auf eine gerichtliche Auseinandersetzung ankommen lassen zu wollen: "Strato sperrt nicht willkürlich Inhalte. Sofern wir von einer zuständigen gerichtlichen Instanz dazu aufgefordert werden, würden wir dieser Aufforderung zur Sperrung nachkommen. Die GEMA ist aber keine solche Instanz", erklärte Rochus Wegener, Aufsichtsrat bei Strato.
Unter der Hand war von mehreren Providern bereits zu hören, dass erwogen wird, die Sperrungsaufforderung mit einer negativen Feststellungsklage zu kontern. Im Rahmen einer solchen Klage könnten die betroffenen Unternehmen auf eigene Initiative gerichtlich klären lassen, ob die von der GEMA geltend gemachten Ansprüche rechtlich Bestand haben. Die GEMA selbst war am heutigen Freitag Nachmittag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.
(hob[7]/c't) (hob/c't)
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.gema.de/
[2] http://www.bbh-berlin.de
[3] http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/urhg/__97.html
[4] http://europa.eu.int/eur-lex/pri/de/oj/dat/2001/l_167/l_16720010622de00100019.pdf
[5] http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/tdg/__8.html
[6] http://www.heise.de/newsticker