Verlagerungen
KaZaA, die nach wie vor bekannteste P2P-Software weltweit, legt sich mächtig ins Zeug: Während es vor Gericht ums nackte Überleben geht, kämpft KaZaA um seine User. Das ist auch nötig, denn sie laufen dem einstigen P2P-Riesen in Scharen davon. Derweil gewinnen die Donkey- und Torrent-Netze - mit "exklusiven" Filmangeboten.
Wer in den letzten Wochen KaZaA "anwarf", um dort nach Musik und anderen
Dateien zu suchen, fand schnell heraus, dass die Börse massive Probleme hat. Der
einstige Platzhirsch unter den Börsen leidet an einer Art virtueller Huffäule:
Zwar tummeln sich nach wie vor zu fast jeder gegebenen Zeit drei bis vier
Millionen Nutzer auf der internationalen Tauschplattform, nur tauschen wollen
die anscheinend nicht mehr so gern.
"Saugen" ist nach wie vor beliebt, doch immer weniger User sind bereit, sich
durch das Anbieten von Dateien einem juristischen Risiko auszusetzen. Vor allem
darum steht einer scheinbar relativ stabilen Zahl von Nutzern eine stetig
sinkende Zahl angebotener Dateien gegenüber - und unter denen findet sich immer
mehr Schrott.
Seit mehr als zweieinhalb Jahren nun bombardiert die Musikindustrie KaZaA mit so
genannten "Fakes": Das sind Dateien, die entweder nichts als einen kleinen,
unendlich wiederholten Loop enthalten oder nach wenigen Sekunden in Boxen und
Ohren strapazierenden Störlärm übergehen.
Bei aktueller Chartware ist die Versorgung mit Datenmüll inzwischen fast
flächendeckend: In all dem Dateienschrott noch die echte Musikdateien
aufzuspüren wird zur Kunst. So manche "echte" Datei entpuppt sich dann am Ende
als Kuckucksei: Immer mehr Dateien verweigern dank Digital Rights Management
oder "falschen" Samplingraten das Brennen. Das erhöht den Aufwand für die, die
wissen, wie man das trotzdem schafft und frustriert den Rest der lieben
Nutzerschaft.
Die war KaZaA von Anfang an in Hassliebe verbunden: Napster wurde von seinen
Fans geliebt, KaZaA hingegen genutzt. Seit rund eineinhalb Jahren ist die
gehackte, Spyware-freie Programmversion KaZaA Lite wohl stärker verbreitet als
das von Sharman Networks vertriebene Originalprogramm.
Sharman kämpft zurzeit in Sydney ums nackte Überleben. Bei groß angelegten
Razzien im Frühjahr sammelten die Fahnder der Musikindustrie fleißig Beweise
gegen die KaZaA-Betreiber, um ihnen die legale Operationsbasis zu entziehen. Um
da noch Verhandlungsspielraum zu haben, braucht KaZaA ein entsprechendes
Gewicht: Mit der Programmversion 2.6.3 beginnt Sharman, fremdsprachige
Programmversionen anzubieten. Deutsch ist natürlich dabei, daneben auch
Italienisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch.
So viel Kundendienst muss sein, wenn die Felle wegschwimmen. Weltweit ist
inzwischen die Kampagne des internationalen Phonoverbandes IFPI angelaufen,
KaZaA-Nutzer ganz gezielt wegen Copyright-Verstößen zu verklagen. Die Kampagne
richtet sich zwar vordergründig gegen den gesamten P2P-Bereich, zielt bisher
aber ausschließlich auf KaZaA-Nutzer.
IFPI-Kampagne zeigt Wirkung
Aus Italien kam am Dienstag die Nachricht, dass die dortige Regierung die
europäische Urheberrechtsrichtlinie ins bisher schärfste Gesetz gegen P2P in der
EU überführt hat: Verstöße gegen das Urheberrecht im Internet werden demnach
künftig mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft. Außerdem können Geldstrafen
bis zu 250.000 Euro verhängt werden.
Auch das private Herunterladen von Musik wird zum Straftatbestand, der mit bis
zu 1000 Euro bestraft werden kann. Das italienische Kulturministerium erklärte,
das Gesetz sei notwendig gewesen, um den Schutz geistigen Eigentums auch auf die
Tauschbörsen auszuweiten. Ein Schelm, wem da einfällt, dass Ministerpräsident
und Medienmagnat Silvio Berlusconi ja zu den direkt P2P-Geschädigten gehört.
Für KaZaA ist all das mindestens so lebensbedrohlich wie die sinkende Quantität
und Qualität des Angebotes. Wie sehr, muss den Verantwortlichen bei Sharman
früher klar geworden sein, als den P2P-Beobachtern von Sandvine. Der kanadische
IT-Dienstleister macht sein Geld unter anderem mit dem Monitoring von
P2P-Börsen. Und Sandvine weiß, wohin es mit KaZaA geht: abwärts.
Und zwar deutlich: In den USA und Kanda, sagt Sandvine, sei KaZaAs "Marktanteil"
am P2P-Geschäft binnen eines Jahres von 90 Prozent auf magere 20 Prozent
gefallen. In Europa sähe das ähnlich aus, sagt Sandvine. Hier fiel KaZaA von 70
Prozent auf ebenfalls rund 20 Prozent.
Gewinner dieses Verfallsprozesses scheint vor allem das eDonkey-Netzwerk zu
sein.
Der "Esel" jedoch gilt nach wie vor als - im direkten Vergleich mit
FastTrack-Programmen wie KaZaA - umständlicher Zeitgenosse. Der allerdings ist,
wie auch BitTorrent oder Shareaza, fit für die Verbreitung auch größerer
Datenpäckchen - wie zum Beispiel bei Filmdownloads.
Und mit einem Mal passt alles zusammen: Die zunehmende Verbreitung breitbandiger
Internet-Anschlüsse, die Verlagerung auf Donkey und Co, der Niedergang von KaZaA
- und die Tatsache, dass die P2P-Aktivität ganz entgegen der Aussagen der
Musikindustrie ganz und gar nicht abnimmt. Inzwischen, sagt Chris Colman,
Europachef von Sandvine, mache P2P-Tauschaktivität 70 bis 80 Prozent des
gesamten Netzwerkverkehres aus. Tendenz steigend.
Den dritten Teil der Harry-Potter-Reihe hofft die Entertainment-Industrie
übrigens durch bisher nicht da gewesene Maßnahmen vor Piraterie schützen zu
können. In Großbritannien sollen alle Platzanweiser in Kinos, in denen der Film
läuft, mit Nachtsichtgeräten ausgestattet werden, um ein Mitfilmen zu
verhindern. Man wird schon wissen, warum.
Frank Patalong