SPIEGEL ONLINE - 17. Dezember 2004, 11:34
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Börsensterben

Popfile ade?

Nach einem Bericht der "Welt" soll Popfile, die kommerzielle Musikbörse aus dem Hause Universal, das gleiche Schicksal erleiden wie Phonoline: der virtuelle Musikladen soll angeblich mangels Kundschaft geschlossen werden.

Einst konnte sich Popfile, eine Idee des damaligen Universal-Chefs Tim Renner, zumindest in Deutschland stolz "Pionier" nennen: Viel früher als die liebe Konkurrenz wagte Universal mit dem virtuellen Kaufladen den Gang ins gefürchtete Internet. Popfile fiel dabei von Anfang an durch drei Merkmale auf: Erstens funktionierte bei Popfile (ganz im Gegensatz zur später aus der Taufe gehobenen Konkurrenz Phonoline) alles, zweitens gab es echt wenig zu kaufen - wo Popfile draufstand, war Universal drin. Dafür konnte Popfile mit den wohl großzügigsten und unkompliziertesten digitalen Rechten punkten, die in Deutschland bei einer der großen Firmen online zu erwerben waren.

Viel genützt haben dürfte das nicht. Kein Mensch geht in einen Plattenladen, um dort die Musik einer bestimmten Plattenfirma zu kaufen. Wenn schon, dann will der Mainstream-Kunde ein volles Programm, das ihm "seine" Stars sowie die Charts hoch und runter präsentieren kann. Dass genau da die Gründe für die Einstellung liegen, gab auch der neue Universal-Chef Frank Briegmann ganz unumwunden zu: "Wir können dem Endkonsumenten nicht die Breite bieten, die er bei den Vollsortimenten findet."

Von denen konkurrieren in Deutschland inzwischen so einige. Gemein haben sie, dass sie entweder auf den Lizenzen von OD2 oder (noch) Phonoline aufsetzen. Ob MSN oder MTV, Eventim oder Mediamarkt - die Musikshops sind Marken-Frontends, hinter denen sich diese Big Players verbergen. Als wirklich eigenständige Anbieter präsentieren sich der überaus erfolgreiche Apple iTunes Music Store (der in dieser Woche Download Nummer 200 Millionen meldete) sowie der weitgehend unbekannte Sony-Musikdienst Connect (der sich beim Melden von Downloadzahlen vornehm zurückhält).

Von Napster, mit seinem für viele Musikfans mit Nostalgie verbundenem Namen noch im Frühjahr als potenziell aussichtsreicher Konkurrent auf dem deutschen Markt erwartet, ist seit geraumer Zeit nichts mehr zu hören. Die letzte Pressemitteilung auf der Firmenwebseite datiert vom Mai 2004 und verkündet den erfolgreichen Launch von Napster 2.0. Seitdem herrscht völlige Funkstille.

Hinter den Kulissen aber begannen spätestens im Frühjahr 2004 firmenintern die großen Diskussionsprozesse: Quer durch die Szene fragten sich die Finanziers, wie lange sie noch voller Hoffnung aber weitgehend erfolglos in die Zukunft des Downloadgeschäfts investieren sollten. Derweil rollte Apple den kleinen Markt auf. Als lachender Zweiter folgte die Telekom, die ja auch keck zweigleisig fuhr: Einserseits war sie an der Produktion von Phonoline beteiligt, andererseits betrieb sie mit Musicload einen eigenen Download-Dienst.

Als Phonoline im Sommer 2004 endlich zur Todgeburt erklärt wurde, war die Telekom schnell dabei, den frustrierten Phonoline-Partnern ein neues Dach anzubieten. Mit der bekannten und gefürchteten Marketingpower der Telekom im Rücken hob der nun richtig ab: Kaum eine jugendlich verortete TV-Sendung, in deren Umfeld nicht auch Musicload beworben würde. Immer öfter sieht man bei Musiksendern wie im Privat-TV sogar den direkten "Link" zu Musicload: Erst hören, dann sofort kaufen.

Mit einigem Erfolg: In kaum einem Land der Erde sieht sich Apples iTunes Shop einer so harten Konkurrenz gegenüber. Zwischen den beiden Branchengrößen aber bleibt kaum Platz. Dass Marken wie Saturn oder MTV weiter ihre Downloaddienste betreiben werden, dürfte außer Frage stehen: bei ihnen gehört das zum Image, ist logisch und hat mittelfristig Chancen, einen kleines Plus zum "normalen" Verkauf zu erwirtschaften. Anbieter wie Popfile aber, die versuchten, wie iTunes eigenständige Web-Marken zu etablieren, werden zwischen den Handelsriesen zerrieben.

Wie im richtigen Leben, wo neben den Media Märkten und sonstigen Branchenriesen auch nur die kleinen CD-Läden überleben, denen eine Profilierung oder Spezialisierung gelingt. Weit mehr Chancen als Popfile könnten folglich "Spezialshops" wie das auf Independent-Musik spezialisierte FineTunes haben.

Die Zeit der vielen konkurrierenden "One-Stop-Shops", die alles versprechen (ohne es halten zu können), scheint jedenfalls vorbei. Das WWW mag groß sein, doch es begünstigt nun einmal Monopole, nicht Vielfalt. Was fällt Ihnen denn ein, wenn man Sie fragt, wo man Bücher kauft, wo es Auktionen gibt, wer eine Gebrauchtwagen-Börse betreibt, womit man das Web durchsucht? All diese Fragen kann man mit Markennamen beantworten, die ihre Märkte mit jeweils 70 bis 90 Prozent Marktanteil dominieren - die Konkurrenz muss von den Resten leben, wenn sie kann.

Bei Universal war man auf Dauer mit solchen Krümeln nicht zufrieden. Popfile mag ein phantasievolles, ambitioniertes Projekt gewesen sein. Allzu viele Kunden, die den Dienst vermissen werden, gibt es aber wohl kaum.

Frank Patalong

Zum Thema:

Zum Thema im Internet:   
·  Popfile: Deutschsprachige Musikbörse von Universal
http://www.popfile.de
·  Labelübergreifende Plattform Phonoline
http://www.phonoline.de
·  iTunes (deutsche Ausgabe)
http://www.apple.com/de/itunes
·  Legale Musikdownloads: "Musicload" von T-Online
http://www.musicload.de
·  DRM-Firma: OD2
http://www.od2.com
·  FineTunes: Shop für Indy-Music
http://shopbase.finetunes.net/shopserver/ActionServlet