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ONLINE - 29. April 2005, 10:09
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Aufgehübschter PC
PIM(p) my Desktop
Von Christian Ströh
Wenn man seinen Windows-Taschenrechner so ansieht, könnte man meinen, seit
Borlands "Sidekick" (1984) hätte sich auf dem Sektor der netten kleinen
PC-Helferlein nicht viel getan. Weit gefehlt: Mit "Widgets" sieht der Desktop
ruckzuck aus wie eine Kirmesbude.
Zeig' mir Deinen Monitor und ich sag Dir, wer Du bist:
Typ 1: Verteilt Icons wahllos auf dem Desktop, lässt nur in der Mitte des
21-Zoll-Monitors einen maximal bierdeckelgroßen Fleck frei. Wer diesen
Tunnelblick täglich acht Stunden erträgt, ist entweder genial oder
wahnsinnig.
Typ 2: Nur eine handvoll Symbole. Zumeist die, die man nicht so ohne
weiteres löschen kann. Lustlos leuchtet der Schirm im werksseitig
voreingestellten Blau. Vielleicht eine Spaßbremse mit Waschzwang. Vielleicht
aber auch nur gut organisiert.
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"Kapsules"-Desktop: Bunt und funktional
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Nun gesellt sich seit einigen Jahren ein neuer Typus zu dieser
Standard-Büro-Besatzung. Da weiß man auf den ersten Blick gar nicht, vor was für
einem Rechner man steht, denn Typ 3 betreibt "Desktop-Modding". Sein Privat-PC
hat Wasserkühlung und ein Plexiglasgehäuse. Und da der Winkelschleifer im Büro
nicht so gut ankam, modifiziert er nun wenigstens "sein" Betriebssystem bis zur
Unkenntlichkeit.
Das optische Tuning beschränkte sich lange Zeit auf Icons, Farbgebung und
Hintergrundbilder. Doch seit einiger Zeit gibt es ein neues Spielzeug und das
ist auch noch, man mag es kaum glauben, nützlich.
"Widget" heißt es, ein Begriff, der sich aus "Windows" und "Gadgets"
zusammensetzt. Wobei nicht das Microsofts OS gemeint ist, sondern das "X Windows
System" der Unix-Welt. Und "Gadgets" steht für mehr oder weniger überflüssiges
technische Hilfsmittel, Spielereien, Schnickschnack.
Widgets sind die Nachfahren von Programmen, die früher TSRs ("Terminate and Stay
Resident") hießen, später zu PIMs ("Personal Information Manager") wurden und
auf dem Ur-Mac Anfang der 80er Jahre "Desk Accessories" hießen. Allen gemein:
Die Hilfsprogramme konnten neben dem eigentlichen Anwendungsprogramm jederzeit
aufgerufen werden - was damals gar nicht so einfach war. Für das berühmte
Macintosh Puzzle (siehe Bild) standen Andy Hertzfeld beispielsweise 600 Byte zur
Verfügung.
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Legendär: Das Mac-Puzzle
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Das gestaltet sich heute natürlich etwas anders, und so gehen auch die Widgets
ein ordentliches Stück weiter. Auch sie sollen nur als kleine Helferlein
fungieren und verhindern, dass man für die Berechnung der Mehrwertsteuer oder
das Verfassen des Einkaufszettels sein Office-Paket startet.
Doch im Unterschied zu ihren Vorgängern sehen sie super aus, halten bei Bedarf
Kontakt zum Internet und können vergleichsweise leicht selbst erstellt werden:
Die Widgets der Neuzeit basieren auf Script-Sprachen und ein paar Grafikdateien.
Wer also eine vernünftige Homepage entwickeln kann, dürfte mit der Produktion
von Widgets keinerlei Probleme haben.
Apple: Nase vorn
Damit man Widgets nutzen kann, benötigt man allerdings eine so genannte Engine.
Im Mac OS "Tiger" heißt sie
"Dashboard" und ist Teil des Betriebssystems. Auch Microsoft will im
XP-Nachfolger "Longhorn" etwas Ähnliches integrieren.
Bis dahin kann man sich als Windows-User aber mit Free- und Shareware behelfen:
Mit "Konfabulator" zum
Beispiel. Der Software wird nachgesagt, dass sie Apple als Vorlage für das
"Dashboard" diente, was zu Unmut in der Entwicklergemeinde führte.
Die beiden Programme sehen sich auf den ersten Blick tatsächlich sehr ähnlich.
Und Apple hätte schon aus Imagegründen gut daran getan, die beiden Entwickler in
irgendeiner Form ins Boot zu holen. Doch ein genauerer Blick offenbart: Die
Apple-Version hat gravierende Vorteile.
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Gähnend langweilig: ordinärer Windows-Desktop
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Unter anderem greift Dashboard auf "WebCore" und "Web Kit" zurück, seit OS 10.3
feste Bestandteile des Betriebsystems und Motoren des Safari-Browsers. Und so
können auch alle Register gezogen werden: HTML, XML, JavaScript, Flash,
QuickTime, Java - alles kein Problem. Zusätzlich kann "Cocoa" eingesetzt werden
- Apples objektorientierte API (Schnittstelle zur Anwendungsprogrammierung).
Kurzum: Dashboard ist ein geschmeidiger Teil des Mac OS X, somit
leistungsfähiger und deutlich sparsamer im Unterhalt: Manches
Konfabulator-Widget, im Download noch zwischen ein- bis vierhundert Kilobyte
klein, verbraucht hingegen gerne mal sechs Megabyte Hauptspeicher.
Haufenweise Tuning-Werkzeuge
Windows-Anwendern kann das natürlich egal sein. Warten auf Longhorn hat
Tradition, Speicherfresser sind nichts Ungewöhnliches. Und Alternativen zum
Konfabulator gibt es ja auch.
"DesktopX"
gehört ebenfalls zu den Widget-Pionieren;
"DotWidgets",
"Kapsules", "Samurize"
oder "Desktop Sidebar"
haben alle ihre Vor- und Nachteile, sind aber sämtlich garantiert schön bunt.
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Schicker: Aufgepeppeter Desktop
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Doch diese Widgets können mehr als analoge Uhren, Taschenrechner im "Aqua"-Look
und transparente Kalender darzustellen. Sie sind im Grunde die Renaissance der
Push Dienste: Statt nach immer wieder benötigten Infos im Web zu suchen, werden
sie frei Haus - und ohne Browser - geliefert. Als US-Bürger kann man sich zum
Beispiel stets den günstigsten Benzinpreis der Umgebung (inklusive einer
Anfahrtsskizze von "Google Maps") anzeigen lassen.
Hierzulande geht das noch nicht, aber RSS-Newsfeeds lassen sich schnell an
eigene Quellen anpassen. Faszinierend, was da möglich wäre: Auf einen Blick die
aktuellsten Call-by-Call-Tarife, Stauwarnungen, Zug-Verspätungen,
Fußballergebnisse oder Lastminute-Angebote.
Und wenn man sich nach der ersten Euphorie und dem Herunterladen Dutzender
Widgets langsam wieder beruhigt hat, kann man ja mal anfangen, über einen
sinnvollen Einsatz nachzudenken. Und sich etwas intensiver mit JavaScript
beschäftigen. Denn eines ist klar: Noch nie war es einfacher, sich das Web
zunutze zu machen.
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