SPIEGEL ONLINE - 18. Oktober 2005, 10:12
URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,380198,00.html

"Open Music"

Das Linux der Noten

Von Felix Knoke

CD-Verkäufe schwinden, das Musikgeschäft beginnt, sich zu Online-Shops zu verlagern. Das aber, meinen die Befürworter von "Fair Trade" und "Open Music", gehe noch nicht weit genug. Statt alte durch neue "Majors" zu ersetzen, wollen sie das Web für "faireren" Handel nutzen.

Ein halbes Jahrhundert Musikindustrie, einfach so hinweggefegt vom Internet? Ganz so weit ist es noch nicht, aber die Verteilungskämpfe haben längst begonnen. Die ersten Sieger: Shops wie Apples iTunes, die bereits höchst erfolgreich Songs als Stückware verkaufen. Mit eingeschränkter Qualität, Kopierschutz und Einheitspreis. So könnte tatsächlich die nahe Zukunft der Musikindustrie aussehen.

Doch für Musikfans wie Jörn Daberkow und Christian Wirsig sind iTunes und Konsorten nur die Fortschreibung des alten Spiels um große Stars und wahnwitzige Marketing-Budgets. Sie verschickten selbst unzählige Demo-Tapes und suchten Aufnahme bei den großen Labels - vergebens. "Kleine, unbekannte Künstler werden auch in dieser Zukunft kaum eine Chance haben, sich gegen die paar wenigen Cashcows durchzusetzen," sagt Wirsig.

Und zu allem Überfluss verdienen die Musiker durch die Webshops meist noch weniger als durch reguläre Plattenverkäufe. Wirsig und Daberkow fiel die Entscheidung leicht: "Da muss es doch auch noch andere Möglichkeiten geben..." Eine davon ist ihr Labelshop Novatune.de, den sie im Februar 2005 vom Stapel ließen, um zu zeigen: Es geht auch anders.

Auf Novatune.de kostet eine CD 10 Euro (+ 2 Euro Versandkosten), der komplette CD-Download mit Covervorlage gerade mal 8 Euro. Und damit man nicht die Katze im Sack kaufen muss, kann man sämtliche Songs in anständiger Qualität und in Gänze probehören. Vier Onlineradios senden rund um die Uhr aus dem eigenen Angebot. Für lau, versteht sich.

Möglich macht das ein übersichtliches Angebot aus Musikern der dritten und vierten Reihe, die bislang im risikolosen System der Musik verarbeitenden Industrie keinen Platz fanden. Novatune.de bietet ihnen für 120 Euro einen Platz im Webshop, on-demand CD-Produktion und grundlegende Öffentlichkeitsarbeit im labeleigenen PDF-Musikmagazin.

Doch viel mehr dürfte für sie zählen, dass Wirsig und Daberkow traumhafte Vertragskonditionen bieten: 50 Prozent der CD-Einnahmen gehen direkt an den Künstler. Die Serverkosten, den Versand und die Büroarbeit leistet Novatune. Über den Phononet-Eintrag sind die CDs sogar in Online-Shops wie Amazon und über Plattenladen-Kataloge erhältlich.

Wirsig und Daberkow haben sich dabei selbst zur Fairness verpflichtet, als sie mit dem Electro-Label Orcarecords.de im September 2004 das Fair-Trade-Music-Netzwerk gründeten. Zusammen mit drei weiteren Labels stehen sie nun ein für günstige Preise, eine faire Bezahlung, transparente Verträge und künstlerische Freiheit. Konkret fordern die Fair-Trade-Music-Statuten einen Maximalpreis von 13 Euro pro CD, eine Mindest-Künstlerbeteiligung von 35 Prozent und uneingeschränktes Mitspracherecht des Musikers. Mitmachen darf nur, wer sich dem unterwirft.

Preise? Die macht man selbst

Dass das viele kleinere Labels, die eh schon ums Überleben kämpfen, abschreckt, wundert kaum. Doch dass genau so ein offener Ansatz funktioniert, zeigt der Erfolg von Magnatune.com. Unter dem Slogan "We are not evil" ist das der wohl ambitionierteste Alternativvorschlag zum darbenden System der Musikindustrie. Gründer John Buckman: "Musiktauschbörsen wie KaZaA zeigen, dass die Menschen Musik lieben. Die Nachfrage nach Open Music ist ungeheuer."

Open Music - das ist das Linux der Noten. Jeder kann sie frei tauschen, remixen, verwenden - solange er kein Geld damit macht. Erst wer Open Music kommerziell verwenden will, muss einen Teil des Gewinnes an den Künstler (und das Label) abführen.

Im Grunde lebt Open Music von der Liebe zur Musik. Was ich mag, dafür zahle ich auch. Wieviel, das kann man bei Magnatune.com sogar selbst festlegen. Zwar empfiehlt das Londoner-Label einen Preis von 8 Euro pro Albumdownload - doch kann jeder so viel zahlen, wie ihm die Musik wert ist. Durchschnittlich geht eine Platte für rund 50 Cent mehr als empfohlen über den virtuellen Ladentisch. Und auch sonst erfreut sich das Label großer Beliebtheit. 202 Künstler veröffentlichten bisher 418 Alben und 814 Songs. Am besten verkaufen sich Klassische Musik, Weltmusik und Elektronika.

Klar, dass Magnatune im Fair Trade-Netzwerk mit dabei ist. Unter den Labels werden zudem Künstler getauscht und gegenseitig lizenziert. "Von Anfang an haben wir viel Wert auf Vernetzung gelegt. Davon profitieren Label und Musiker." Gerade bei Novatune, die nebenbei auch das Musiker-Magazin Musician's Life herausbringen, Soundsoftware verkaufen und jetzt auch mit labeleigener Musik den Onlinecomic Broken Saints vertonen. Noch ist Novatunes aber ganz am Anfang. Seit dem Start im Februar 2005 haben sich immerhin bereits 60 Künstler mit 750 MP3s angemeldet. Innerhalb eines Jahres soll sich diese Zahl mindestens verdoppeln.

Und auch das Fair-Trade-Netzwerk soll sich weiterentwickeln. Die Richtung steht natürlich fest: in eine Zukunft ohne Plattenindustrie - und ohne Copyright. Stattdessen soll es eine Zukunft der Creative Commons und der Open Music werden.

Dass irgendwann einmal iTunes im Fair Trade Network teilnimmt, halten Daberkow und Wirsig dann aber doch für eher unwahrscheinlich. So verrückt sei Apple dann leider doch nicht.

Zum Thema:

Zum Thema im Internet:   
·  Novatune
http://Novatune.de
·  Phononet
http://www.phononet.de
·  Orcarecords
http://Orca-records.de
·  Das "Fair Trade Network"
http://www.fair-trade-music.de
·  Magnatune
http://Magnatune.com
·  Online-Magazine: "Musicians Life"
http://www.musicians-life.de
·  "Creative Commons" - im Film erklärt (Flash)
http://mirrors.creativecommons.org/getcreative/
·  Das "Open Music"-Konzept
http://magnatune.com/info/openmusic