MP3-Gejammer
Von Christian Stöcker
Von diesem Schlag wird sich die MP3-Kultur nicht so schnell erholen. Wissenschaftler und Superstars der siebziger Jahre sind sich einig: Songs in Fileform sind Teufelszeug, MP3-Player musikalische Liebestöter und Ohrenschinder. Sogar Studien gibt es schon.
Früher war alles besser. Kulturell zum Beispiel: Es gab keine fernsehfabrizierten "Superstars", keine verdorbenen Kindergartenclowns die als "Comedians" firmierten, keine kostenpflichtigen Rülpsgeräusche für Handys. Früher, meinen zumindest ein paar britische Forscher, wurde Kultur noch mit Liebe gemacht und auch mit Liebe konsumiert. Musik zum Beispiel.
"Im 19. Jahrhundert wurde Musik als wertvoller Schatz mit grundlegenden und
fast mystischen Kräften zur menschlichen Kommunikation betrachtet: Sie wurde in
klar definierten Kontexten erlebt, und ihr Wert stand in unmittelbarem Bezug zu
diesen Kontexten", sagt der Musikpsychologe Adrian North von der University of
Leicester. Heute, sagt North, ist es damit vorbei. Schuld daran sei Steve Jobs.
Nicht Steve Jobs direkt und allein. Aber all die großen und kleinen Steve Jobs
dieser Welt, die unbedingt Musik über das Internet verkaufen und in winzige
Plastikquader hineinstopfen und von da aus direkt in die bemitleidenswerten
Gehörgänge der Jugend von heute schleusen wollen. Die MP3-Player-Mafia
gewissermaßen. Die Musikdigitalisierer. Die Saugdienstleister. "LEISER!",
schreit übrigens auch The-Who-Gitarrist Pete Townshend - aber davon später.
Nochmal North: "Weil Musik unterschiedlichster Arten und Genres jetzt so weithin
verfügbar ist, über tragbare MP3-Player und das Internet, lässt sich
argumentieren, dass die Menschen Musik jetzt viel stärker aktiv in alltäglichen
Hör-Kontexten nutzen als je zuvor." Schlimmer noch, "die Hörkontexte entscheiden
am Ende über den Wert, den die musikalische Erfahrung für den jeweiligen Zuhörer
hat."
Da hat er recht!
Teufel noch mal, Mr. North, das stimmt. Das Eurodisco-Gefiepe, dass ich in
irgendwelchen Schuhgeschäften über mich ergehen lassen muss, nervt mich manchmal
auch ziemlich. Gut, wenn man dann einen MP3-Player dabeihat, der einem ein
bisschen alternativen musikalischen Erfahrungswert zur Verfügung stellt. Oder
habe ich das falsch verstanden? "Der Grad der Verfügbarkeit und
Auswahlmöglichkeiten hat jedoch zu einer eher passiven Einstellung zu Musik
geführt, die man im Alltag hört", sagt North. Um das mal zu übersetzten: Die
Wissenschaftler finden, wir lieben Musik einfach nicht mehr genug. So
unerträglich leicht verfügbar darf Sound nicht sein.
North und sein schlagkräftiges Forscherteam haben 346 Menschen
zwei Wochen lang jeden Tag eine SMS geschickt. Die Telefonbesitzer mussten
dann jedes Mal einen Fragebogen ausfüllen, in dem sie unter anderem angaben, was
für Musik sie gerade hörten, und welche sie seit der letzten Forscher-SMS gehört
hatten. Die verblüffenden Resultate: Die Leute hörten ziemlich viel Musik, oft
auch allein, und meistens war es "Pop" - was immer North und seine Leute
darunter verstehen. Die Musik gefiel ihnen unterschiedlich gut, je nachdem, wo
sie sie hörten, und ob sie sich ihren Soundtrack selbst ausgesucht hatten. So
weit, so sensationell.
Manche hören Musik beim Bügeln. Skandal!
Jetzt aber kommt die Crux: Viele Leute machten noch irgendetwas anderes, während
sie Musik hörten. Zum Beispiel: Bügeln, abspülen, Briefmarken in Alben kleben,
Häkeln, Zwiebeln schneiden. Meistens hörten die Leute nämlich zu Hause und
abends Musik. Nur "eine geringe Anzahl der Fälle" trug sich in der
Öffentlichkeit zu.
Trotz alledem leiten North und seine Musikologen aus ihren Resultaten die
Behauptung ab, dass unser Musikkonsum heutzutage "nicht mehr notwendigerweise
durch eine tiefe emotionale Investition gekennzeichnet ist."
Ganz abgesehen davon, dass auch ein, sagen wir mal, angeheiterter Minenarbeiter
im Sheffield des 19. Jahrhunderts dem Fiedelspieler in seinem Pub nicht
notwendigerweise mit tiefer emotionaler Hingabe gelauscht hat - was, bitteschön,
hat das alles mit MP3-Playern und Musikdownloads zu tun? Radios haben die Leute
seit den zwanziger Jahren zu Hause stehen, Plattenspieler noch länger. Der erste
Walkman kam 1978 auf den Markt.
Und da kommt The Who ins Spiel
In diesem Jahr starb übrigens auch Keith Moon, der legendäre Schlagzeuger von
The Who, an einer Überdosis Pillen - für viele Fans das endgültige Ende der
Band. Frontmann Pete Townshend hörte zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon
ziemlich schlecht, weil er bereits viele Jahre lang neben vorsätzlich bis zum
Anschlag ausgereizten Lautsprechertürmen Gitarren zertrümmert hatte.
Inzwischen aber hat der Rock-Gott andere Sorgen. "Wenn Sie einen iPod oder so
etwas benutzen, oder ihr Kind, KÖNNTEN sie Glück haben ... Aber meine Intuition
sagt mir, dass entsetzliche Probleme auf Sie zukommen.", schrieb Townshend auf
seiner Webseite.
Er sorgt sich, kein Witz, ums Gehör der Jugend.
Eine verblüffende Warnung aus der Feder eines Mannes, der selbst fast taub ist,
dessen Band in den Siebzigern jahrelang als lauteste Band der Welt im
Guinness-Buch stand, (und deren Musik übrigens dennoch von Vielen als
"wertvoller Schatz mit grundlegenden und fast mystischen Kräften" betrachtet
wurde - und das im 20. Jahrhundert!). Zur Erinnerung: Der erste Walkman kam ...
aber das hatten wir schon.
Was uns diese Meldungen jedenfalls sagen: Es geht wieder los. Die Rocker von
damals, die Musik-Besserwisser und "Meine Bands sind cooler als deine
Bands"-Menschen aus den Siebzigern sind alt genug, um Studien zu organisieren
oder Blogeinträge zu schreiben, die der Welt verdeutlichen sollen, dass früher
alles besser war. Dass MP3s keine richtige Musik mehr sind. Dass sie die Ohren
kaputtmachen und der Musik die Seele rauben.
Die Linie der Pop-Bewahrer verläuft jetzt von den
"Gitarren-und-echter-Schweiß"-Verfechtern über die Vinylfetischisten bis hin zu
den CD-Käufern, die jetzt - endlich! - wenigstens auf die MP3-Sauger
herabblicken dürfen. Weil denen ja nun wirklich ganz offensichtlich wirklich die
Leidenschaft fehlt. Wissenschaftlich erwiesen. Fragen sie Mr. North.
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