Kostenlose Beats
Von Felix Knoke
Der österreichische Radiosender FM4 macht Freunde von guter Musik jenseits des Mainstream glücklich. Auch im Netz ist der Sender seiner Zeit voraus: Schon seit fünf Jahren betreibt er ein Musikportal, auf dem Künstler ihre Musik veröffentlichen können - als MP3 und fürs Publikum gratis.
In Österreich ist die Welt noch gut. Da gibt es die Alpen, da gibt es Kaffeehäuser und ein günstiges Studium ohne Numerus Clausus. Und in Österreich gibt es einen Radiosender, der Musikfans aus dem benachbarten Ausland empört fragen lässt: Warum gibt's so etwas nicht auch bei uns? Der Radiosender heißt FM4 und ist das Jugendradio des österreichischen Rundfunks ORF.
FM4 spielt Musik ohne Anbiederungsverdacht, spricht mit den Hörern auf
Augenhöhe und hat sich seit dem Start vor fast elf Jahren zu einer Institution
entwickelt. Und ganz nebenher entwickelt FM4 ein erfolgreiches Zusatzfeature
nach dem anderen. Das FM4 Frequency-Festival zum Beispiel, oder den
Literaturwettbewerb FM4 Wortlaut. Und eben auch den
FM4 Soundpark, der am
26. Oktober - dem österreichischen Nationalfeiertag - sein fünfjähriges Bestehen
feiert.
"Die Labellandschaft in Österreich ist nicht so gut. Wahrscheinlich deshalb
haben wir all die Demotapes von labellosen Bands bekommen", sagt Clemens Fantur,
einer der Soundpark-Verantwortlichen bei FM4. Um dem kreativen Potential eine
alternative Plattform zu bieten, schuf man auf der FM4-Website den Soundpark.
Musiker und Bands können dort ihre Musik veröffentlichen und mit Kollegen in
Kontakt treten. Workshops, Remix-Wettbewerbe und Hilfestellungen aller Art
sollen Musiker fördern, ihre Projekte voranzutreiben.
Besonders gute Soundpark-Stücke schaffen es auch ins Radioprogramm. "Das ist
ein großer Unterschied von uns zu anderen MP3-Websites. Airplay gibt's nur bei
uns!" Fantur, selbst Musiker, kann so auch auf regelrechte
Soundpark-Erfolgsgeschichten verweisen: Bands wie TNT Jackson, Garish oder
Wedekind schafften es durch das Angebot ins Radio, auf Sampler - und unter
anderem deshalb eben auch auf interessierte Labels.
Der Soundpark funktioniert, zeigt Musikern eine Alternative zum mühseligen Kampf
um einen Plattenvertrag. 3600 Musiker haben sich bereits angemeldet, 15.000
Lieder, schätzt Fantur, stehen kostenlos auf den ORF-Servern. Mitmachen kann
jeder, auch wenn die Registrierung wegen des großen Erfolgs schon mal ein paar
Wochen dauern kann. Täglich gehen vier neue Stücke online, die auch auf der
Startseite angekündigt werden. Per
Podcast kann man sich
diese Stücke auf den MP3-Player schicken lassen.
Ganz nebenbei löst der Soundpark ein Problem, das besonders in Deutschland
hitzig diskutiert wurde: die Deutsch-Quote im Radio. Auf FM4 stammt, nicht
zuletzt dank Soundpark, über ein Drittel der Musik von deutschsprachigen
Musikern. Damit spielt FM4 zwar noch etwas weniger deutschsprachige Musik als
der ORF-Schlagersender, aber deutlich mehr als das "Hitradio Ö3", das typische,
erfolgreich-öde Formatradio. Aber wie klingt der Soundpark? Eine kleine Auswahl,
a walk in the soundpark...
Ratzfatz - Auf Indien mias ma hin
Nur ein Spaß, aber ein gut gelunger ist die Ethnopop-Parodie "Auf Indien mias ma
hin" der Studiobesitzer
Ratzfatz.
Österreichische Mundart trifft auf Ethno-Kitsch, perfekt inszeniert und
professionell produziert - großer Spaß!
TNT Jackson - Ratterbit
Sie selbst sagen, kleinbuchstabig: "als die drei boys von
tnt jackson
des gegenseitigen haareschneidens und modetratschens müde wurden, war man von
der idee seinen persönlichen status durch musikmachen aufzuwerten, begeistert.
mit dem bandnamen tritt man in die reihe mit anderen großen familienmitgliedern
wie cindy, michael und der gleichnamigen martial-arts heldin aus den 7Ts.
musikalisch gilt: jeder spielt alles respektive was er will, hauptsache rotzig
kommt das teil." Und rotzig ist Ratterbit allemal.
Bodhii - Days
to Come
Akkustisch und verträumt, schöner Sommerstrand und Cocktail - wer Jack Johnson
sagt, fliegt raus aus der Strandburg! Auch der Soundpark fand
Bodhii mit Days to Come so
gut, dass er fürs Soundpark Remastering ausgewählt wurde. Rudi Ortner von FM4
nahm sich zusammen mit dem Künstler des Songs an und polierte ihn mit
professionellem Sound-Equipment und einem echten Piano auf. Markus 'Bodhii'
Brandstetter hat mittlerweile seine Debut-EP herausgebracht, auf dem auch andere
Perlen (z.B.
Summer State of Mind) aus dem Soundpark zu hören sind.
Civil Noise Pollution - Disarm
"The Killer in me is the killer in you" - unsterblich, die von Billy Corgan
herausgeschmachteten Zeilen aus dem Smashing-Pumkins-Hit. Und oh Wunder,
Civil Noise Pollution haben in ihrer höchst melancholischen
Electropop-Version tatsächlich noch etwas Neues aus "Disarm" herausholen können.
Konsorten™ - Am Freitag
Was den Hamburgern "Kid Alex" ist, sind den Wienern die "Konsorten™": abseits
von Genretunneln, irgendwo zwischen Electropop, Disco und Breakbeats. Mit "Lang
Auf" gelang ihnen sogar ein veritabler Hit - doch der bekommt mit "Am Freitag"
einen zweiten Discohammer zur Seite gestellt: Supercheesy Fistelchor, bratzige
Synthies und die unschlagbare Zeile "Am Freitag hab ich mein Mädchen verlor'n -
an ein Techno-Sound-System".
Garish - Soundpark Studio 2 Sessions - Draussen fischt im Eis
Weitaus ernster und besonnener als die "Konsorten™" gehen da
Garish ans
Werk. Die haben zwar eine Plattenfirma und touren auch kräftig durch den
deutschsprachigen Raum - dem Ruf zur zweiten Soundpark Studio 2-Session wollten
sie sich dann aber doch nicht widersetzen. Stefan Trischler, auch
Soundpark-Verantwortlicher bei FM4: "Wir laden Bands ein, ihre Songs bei uns im
großen Rundfunkstudio vor Publikum neu einzuspielen, idealerweise in etwas
anderer Form, das heißt in reduzierter (das Unwort ungeplugged) oder erweiterter
(Streicher, Percussions...) Besetzung. Diese Sessions werden dann in voller
Länge ausgestrahlt und ausgewählte Songs gibts als MP3-Compilation." Ein
Beispiel dafür ist "Draußen fischt im Eis".
Demograffics - Devotion
Der Soundpark kann auch HipHop. Um genau zu sein: richtig viel HipHop. Fast 450
HipHop-Künstler sind gelistet. Eine der Crews:
Demograffics, eine deutsch-amerikanische Kooperation, deren tighter Track
"Devotion" unter anderem deshalb so professionell klingt, weil's eben Profis
sind.
Einige, vor allem in Österreich etablierte Bands nutzen den Soundpark als
zusätzliche Promo-Plattform. Sind aber auch selbst aktiv, kommentieren andere
Songs und bieten eigenes Material zum Remix an. "Die Künstler haben alle ein
enormes Vertrauen in uns und die anderen User", meint Fantur. "Vielleicht ist ja
genau das, was den Soundpark und FM4 ausmacht: die wissen, dass ihre Musik bei
uns in guten Händen ist."
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