SPIEGEL ONLINE - 08. November 2004, 13:26
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Insider-Interview

"Viele Film-Raubkopien kommen vermutlich aus Kopierwerken"

Angeblich drei Milliarden Dollar Umsatz verliert die Filmindustrie dieses Jahr durch Raubkopien im Web. Doch die Filme, die schon Wochen vor dem Kinostart in Tauschbörsen und Newsgroups stehen, stammen aus den undichten Quellen der Filmindustrie selbst. SPIEGEL ONLINE sprach mit Oliver Lüders, Projektionsleiter bei Cinemaxx.

SPIEGEL ONLINE: Die Filmindustrie feiert es als Erfolg, dass die Zahl der Filme, die vor dem Kinostart als Raubkopie in Internet stehen, rückläufig ist. Wie kommen die überhaupt so schnell dort hin?

Oliver Lüders: Es gibt mehrere Möglichkeiten: Kopien in sehr guter DVD-Qualität stammen meiner Meinung nach meist aus den Kopierwerken, wo ein Kinofilm vom Master auf 35-Millimeter-Filme umkopiert wird. Neben diesen Filmkopien für die Kinos werden auch gleich die Video-DVDs gepresst, die später verkauft werden sollen. Dabei sind die ersten 15 bis 20 gepressten DVDs qualitativ geringfügig schlechter als der Rest und wird aussortiert und vernichtet. Wenn ein Mitarbeiter eine dieser abspielbaren DVD beiseite schiebt und mitnimmt, kann er oder ein anderer davon eine digitale Kopie machen und sie ins Internet stellen. Am nächsten Tag stellt er die DVD wieder zurück, damit die Stückzahl stimmt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Möglichkeiten? Zum Beispiel den Film im Kinosaal auf Video aufzeichnen?

Lüders: Ja, das geht auch. Kinobesucher oder Filmvorführer lassen dann zum Beispiel bei einer Vor-Premiere ("Preview") eine Kamera mitlaufen. Die Qualität ist aber sehr schlecht. Man kann aber auch, wenn der Film schon auf DVD im Originalton vorliegt, den deutschen Ton bei einer Preview aufzeichnen. Kinovorführer könnten den deutschen Synchron-Ton direkt an einem Ausgang der Kinoton-Anlage aufnehmen. Oder sich die DTS-Ton-CD aus dem Laufwerk der Kinoton-Anlage schnappen und eine Kopie davon machen. Dann muss man den Ton nur noch einigermaßen synchron über den Film legen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Vorführer dabei erwischt wird, bekommt er Ärger?

Lüders: Auf jeden Fall. Gleich mit dem Arbeitsvertrag muss jeder eine Erklärung unterschreiben, dass er keine Kopien oder Mitschnitte machen darf. Diese Belehrung für Mitarbeiter wird jedes Jahr erneuert.

SPIEGEL ONLINE: Gab es Fälle, von denen Sie wissen, wo Zuschauer oder Vorführer erwischt wurden?

Lüders: In einem Hamburger Kino wurde erst einmal ein Zuschauer mit einer Kamera erwischt. Die Polizei rückte an und hat ihn und seine Kassette überprüft. Er gab an, dass er Student sei und eine wissenschaftliche Arbeit über Filme schreibe. Er hatte aber, soweit ich weiß, nur Ausschnitte gefilmt.

SPIEGEL ONLINE: Was tun die Kinobetreiber gegen "heimliche Kamaraleute" im Kino?

Lüders: In einigen Kinos in den USA und in Deutschland bekommen Filmvorführer eine Prämie von bis zu 500 Euro, wenn Sie einen heimlichen Kameramann im Kinosaal erwischen. Das hat zur Folge, dass sich einige Vorführer mit Nachtsichtgeräten auf die Lauer gelegt haben um Leute im Kinosaal zu beobachten. Zwei Dilettanten haben sie auf diesem Weg auch erwischt.

Das Interview führte Helge Denker