Insider-Interview
Angeblich drei Milliarden Dollar Umsatz verliert die Filmindustrie dieses Jahr durch Raubkopien im Web. Doch die Filme, die schon Wochen vor dem Kinostart in Tauschbörsen und Newsgroups stehen, stammen aus den undichten Quellen der Filmindustrie selbst. SPIEGEL ONLINE sprach mit Oliver Lüders, Projektionsleiter bei Cinemaxx.
SPIEGEL ONLINE: Die Filmindustrie feiert es als Erfolg, dass die Zahl
der Filme, die vor dem Kinostart als Raubkopie in Internet stehen, rückläufig
ist. Wie kommen die überhaupt so schnell dort hin?
Oliver Lüders: Es gibt mehrere Möglichkeiten: Kopien in sehr guter
DVD-Qualität stammen meiner Meinung nach meist aus den Kopierwerken, wo ein
Kinofilm vom Master auf 35-Millimeter-Filme umkopiert wird. Neben diesen
Filmkopien für die Kinos werden auch gleich die Video-DVDs gepresst, die später
verkauft werden sollen. Dabei sind die ersten 15 bis 20 gepressten DVDs
qualitativ geringfügig schlechter als der Rest und wird aussortiert und
vernichtet. Wenn ein Mitarbeiter eine dieser abspielbaren DVD beiseite schiebt
und mitnimmt, kann er oder ein anderer davon eine digitale Kopie machen und sie
ins Internet stellen. Am nächsten Tag stellt er die DVD wieder zurück, damit die
Stückzahl stimmt.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch andere Möglichkeiten? Zum Beispiel den Film
im Kinosaal auf Video aufzeichnen?
Lüders: Ja, das geht auch. Kinobesucher oder Filmvorführer lassen dann
zum Beispiel bei einer Vor-Premiere ("Preview") eine Kamera mitlaufen. Die
Qualität ist aber sehr schlecht. Man kann aber auch, wenn der Film schon auf DVD
im Originalton vorliegt, den deutschen Ton bei einer Preview aufzeichnen.
Kinovorführer könnten den deutschen Synchron-Ton direkt an einem Ausgang der
Kinoton-Anlage aufnehmen. Oder sich die DTS-Ton-CD aus dem Laufwerk der
Kinoton-Anlage schnappen und eine Kopie davon machen. Dann muss man den Ton nur
noch einigermaßen synchron über den Film legen.
SPIEGEL ONLINE: Wenn ein Vorführer dabei erwischt wird, bekommt er Ärger?
Lüders: Auf jeden Fall. Gleich mit dem Arbeitsvertrag muss jeder eine
Erklärung unterschreiben, dass er keine Kopien oder Mitschnitte machen darf.
Diese Belehrung für Mitarbeiter wird jedes Jahr erneuert.
SPIEGEL ONLINE: Gab es Fälle, von denen Sie wissen, wo Zuschauer oder
Vorführer erwischt wurden?
Lüders: In einem Hamburger Kino wurde erst einmal ein Zuschauer mit einer
Kamera erwischt. Die Polizei rückte an und hat ihn und seine Kassette überprüft.
Er gab an, dass er Student sei und eine wissenschaftliche Arbeit über Filme
schreibe. Er hatte aber, soweit ich weiß, nur Ausschnitte gefilmt.
SPIEGEL ONLINE: Was tun die Kinobetreiber gegen "heimliche Kamaraleute"
im Kino?
Lüders: In einigen Kinos in den USA und in Deutschland bekommen
Filmvorführer eine Prämie von bis zu 500 Euro, wenn Sie einen heimlichen
Kameramann im Kinosaal erwischen. Das hat zur Folge, dass sich einige Vorführer
mit Nachtsichtgeräten auf die Lauer gelegt haben um Leute im Kinosaal zu
beobachten. Zwei Dilettanten haben sie auf diesem Weg auch erwischt.
Das Interview führte Helge Denker