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ONLINE - 02. November 2004, 12:09
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Gekidnappte Browser
Mafia-Marketing
Von Frank Patalong
Pop-up-Kaskaden, Spy- und Schnüffelsoftware, Adressenhändler und
Dialer-Betrüger - es gibt Methoden im eCommerce, die sind zwar erfolgreich, aber
alles andere als schön. Besonders beliebt bei fiesen Werbern: Programme und "Helferlein",
die ungefragt "huckepack" Schnüffelprogramme installieren und den Browser
verändern.
Kein Mensch weiß, wie viele Menschen weltweit noch die Musiktauschbörse KaZaA
nutzen. Das liegt nicht nur an der zunehmenden Angst vor Klagen der
Musikindustrie - gerade eben brachte die RIAA wieder 750 auf den Weg - sondern
auch daran, dass KaZaA zwar immer Nutzer, aber kaum Fans hatte: KaZaA
funktioniert nur dann, wenn man huckepack die Installation einer weiteren
Software erlaubt - und die gilt als Spyware.
KaZaA selbst nennt sie eine Ad-Ware, die vor allem für die Auslieferung der
Werbung zuständig sei; allein, vielen Nutzern fehlt der Glaube. Denn Spyware -
Software, deren Aufgabe es ist, den User zu beobachten - ist die Stinkmorchel
des Webs, und wer sowas vertreibt ist in der Denke der meisten Web-Surfer sowas
wie ein Abschaum, ein Schmarotzer, zumindest aber ein Mafioso.
Nicht selten stimmt das sogar.
Spyware beobachtet das Verhalten von Web-Surfern und meldet es an einen
zentralen Server. Der Betreiber verkauft die so gewonnenen Daten an einen
Auftraggeber oder beglückt den Spyware-Verseuchten mit auf ihn "persönlich
zugeschnittener" Werbung. Das ist nicht illegal.
Mit einem Mal ist die Welt des Users voller Reklame, die angeblich seine
Interessen bedient. Der Browser "verirrt" sich zu Seiten, die er nie angefordert
hat, die Postflut mit ungewünschten Werbezuschriften schwillt an. Das perfide
daran: Oft hat der User irgendwann sein Einverständnis dazu erklärt.
Tatsächlich?
In aller Regel ja. Zumindest die seriöseren unter den Spyware-Vertreibern
begreifen ihren Griff in die Datenschutz- und Intimssphäre des Internet-Nutzers
als einen Deal auf Gegenseitigkeit. Und der funktioniert so: Die Spyware-Firma
finanziert ein Stück guter, nützlicher Software, und im Gegenzug lässt der
Nutzer ein Stück die Hosen runter.
Wer sich die Mühe macht, nachzuschauen, wird den entsprechenden
Zustimmungs-Passus in den Nutzungsbedingungen der meisten Spyware-verseuchten
Software finden: Irgendwo im unteren Bereich der ellenlangen Erklärung vor dem
"I agree" steht schwarz auf weiß, dass man natürlich mit der virtuellen
Kernspin-Tomographie einverstanden sei und sich nur allzu gern scheibchenweise
durchleuten und verkaufen lasse.
Robert Regular, einer der Köpfe der berüchtigten Spyware-Firma Cydoor, hält das
nicht nur für legitim, sondern auch die Aufregung über solche Dinge für
überzogen. Es gehe bei seriöser Spyware doch nur um einen Refinanzierungsweg für
wertvolle Dienstleistungen.
"Ich bin doch kein Extremist", sagte er in einem seiner seltenen Interviews.
"Die Öffentlichkeit nimmt sich doch die Zeit gar nicht, herauszufinden, ob so
eine Software negative Dinge tut. Sie hört einfach auf, die entsprechenden
Programme herunterzuladen. Ich fürchte, wir kommen irgendwann an einen Punkt, an
dem immer dann, wenn ein Dialogfenster erscheint und 'Möchten Sie dies oder das
tun?' fragt, Alarmglocken zu dröhnen beginnen und die Nutzer in Panik
verfallen".
Kurzum: Angst vor Spyware sei Hysterie
Regulars Sicht der Dinge kann zwangsläufig kaum anders aussehen. Cydoor ist eine
der bekanntesten Spyware-Firmen, ihre Software bleibt mittlerweile in den
meisten Filterprogrammen hängen: Weil sich die Nutzer gegen die
"Dienstleistungen" der Firma wehren, wird es immer schwerer für Cydoor, Geld zu
machen. Viele Internet-Nutzer meiden solche Software wie sonst nur die
Beulenpest.
Das mag im Einzelfall übertrieben sein, im Allgemeinen jedoch ist es so
verständlich wie vernünftig. Der PC-Verkäufer Dell hat gerade den Kampf gegen
Spyware und Anverwandte zur vornehmsten Aufgabe erklärt. Schon jetzt bezögen
sich satte 15 Prozent aller Supportanfragen auf Spyware-Probleme. Bei AOL
schätzt man, dass nur drei solcher Programme für rund 300.000 abgebrochene
Verbindungen verantwortlich seien - und zwar täglich.
Denn längst kommen Spy- und Adware auf vielfältigen Wegen auf den Rechner - und
sie beschränken sich nicht mehr darauf, den Nutzer nur mit Werbung zu beglücken
oder ihn zu beobachten. Bereits vor Jahren versuchte KaZaA, im Verbund mit den
Firmen Brilliant Digital Entertainment (BDE) und AltNet, die per P2P-Software
gekaperten Rechner per Distributed Computing zu eigenem Nutzen kommerziell zu
nutzen.
Beim Distributed Computing reserviert man einen Teil seiner Rechnerressourcen
für die Nutzung durch eine externe Partei. Die mag dann auf dem Computer
Berechnungen durchführen, sie könnte dort aber auch Daten parken, Geld waschen,
Denial-of-Service-Attacken vorbereiten oder ähnliches - der Nutzer weiß schlicht
nicht, was auf seinem Rechner geschieht.
Da wird so manchem Surfer mulmig, und die Leistung des Rechners nimmt merklich
ab.
Es gibt Gegenmittel
Dafür steigt die Zahl der entsprechend verseuchten Programme. Besonders häufig
ist die Verbindung von Aureate, Gator, Cydoor und anderen penetranten
Schnüfflern mit Free- und Shareware, die mitunter als Träger eben für die
Schnüffelprogramme entwickelt wird. Entsprechende Listen verzeichnen derzeit
über 1000 frei verfügbare Programme, die mit Spyware verschiedenster Art
verbunden sind.
Doch ähnlich wie bei Computerviren und Virenschutz-Software hat auch die Spyware
ein Software-Gegenstück, mit dem man sie oft schon wenige Tage nach dem ersten
Auftreten wieder loswerden kann - häufig allerdings nur unter gleichzeitigem
Verlust des Programmes, das die Schnüffler eingeschleppt hatte.
Ad-Aware
ist ein bewährtes Programm, das zudem kostenlos verfügbar ist,
Spybot ein anderes. Das Problem Spyware wird dadurch nicht gelöst, doch
zumindest wird deren Verteilung erschwert.
"Drive-by"-Parasiten: AktiveX macht's möglich
Insbesondere Anwender des Internet Explorer und von Windows XP sind durch eine
weitere Spyware-Variante gefährdet, wenn sie ihre Programme nicht auf dem
neuesten Sicherheits-Stand halten.
Entwickelt wurde diese vor circa zweieinhalb Jahren durch die wahrscheinlich
ungarische "Firma" Xupiter: Ihr Stil erinnert entfernt an einen zwar
autistischen, aber tollwütigen Pitbull.
"Parasiten"-Programme wie Xupiter verbeißen sich in jeden User, der auch nur
zufällig des Weges kommt und reagieren danach auf keinerlei
Kommunikationsversuche. Solche tollen Tölen wieder los zu werden, ist so einfach
nicht - ganz im Gegensatz zur Leichtigkeit, mit der man sich die kleinen
Miststücke einfängt: Man braucht nur zur falschen Zeit am falschen virtuellen
Ort zu sein.
Denn Programme wie Xupiter - ein Programm, das sich als Browser-Toolbar in
Microsofts Internet Explorer festsetzt - sind selbstinstallierend.
Ein Pop-up oder der Besuch einer P2P-Börse oder Website genügen, und der Parasit
wird dem Internet-Explorer-Nutzer als Kuckucksei per ActiveX untergejubelt.
Verwandte Programme wurden gerade XP-Nutzern in den letzten Monaten über die so
genannte LSass-Sicherheitslücke angehängt: In diesen Fällen reichte es schon,
online zu gehen - und der Rechner wurde gekapert. Microsoft schloss dieses Leck
mit dem viel diskutierten Service Pack 2. Verringern lässt sich das Risiko einer
Infektion auch mit anderen Betriebssystemen wie MacOS oder Linux oder dem
Einsatz anderer Browser wie Opera oder Firefox.
Programme wie Xupiter und seine zahlreichen Cousins wie SideSearch, HuntBar, Lop,
AllCyberSearch oder SearchEx erkennt man an deren Verhalten: Man gibt im Browser
eine Adresse ein und landet ganz woanders. Einer der häufigsten Tricks der
letzten zwei Jahre: "Dienste", die auf Tippfehler setzen, den User auf einer
scheinbaren Suchseite landen lassen, ihm dort per ActiveX ein Kuckucksei
unterjubeln und so zum Zwangs-Stammkunden machen.
Und plötzlich erscheinen irgendwelche Online-Spiele oder Pornowerbung in Pop-ups.
Dass dahinter ein Kidnapping-Programm steht, das es in sich hat, begreift man
spätestens, wenn man feststellt, dass der Browser umkonfiguriert wurde und den
Befehlen seines Nutzers nicht mehr gehorcht. Wer das wieder ändern will, muss
bis hinein in die System-Registry: Browser-Kidnapper restaurieren und
reinstallieren sich selbsttätig, wenn nicht alle Programmbestandteile gelöscht
werden. IT-Sicherheitsexperten raten darum seit langem dazu, neben dem
obligatorischen Virenschutz auch einen guten Spywareblocker zu installieren
(siehe Linkverzeichnis).
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