SPIEGEL ONLINE - 13. Oktober 2005, 12:01
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Online-Musikmarkt

EU setzt Musikindustrie unter Druck

Wer in Europa online einen Song verkaufen will, mutet sich was zu: Zunächst braucht er 25 Lizenzen für die einzelnen Mitgliedsländer, auszuhandeln mit Urheber- und Copyrightinhabern, Musikverlagen, Plattenlabels und Verwertungsgesellschaften. Ein geschäftsverhinderndes Unding, meint die EU.

Es gibt Dinge, über die kann sich Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy nur wundern. Dazu gehören die seltsamen, äußerst komplexen Strukturen der Musikindustrie: In kaum einer Branche hat man es mit so vielen, sich teils eifersüchtig gegenseitig bewachenden Interessengruppen zu tun. Die haben ihre jeweiligen nationalen Märkte und Claims abgesteckt - und obwohl das Entertainment-Business angeblich so international sein soll, wenig Bereitschaft zu grenzüberschreitenden Geschäften.

Genau das, glaubt die EU-Kommission, hemme die Entwicklung des Online-Musikverkaufes in Europa. Wer hier einen Download-Shop eröffnen wolle, müsse - wenn er alle EU-Mitgliedstaaten erreichen will - im Zweifelsfall seine Verhandelungen 25 Mal führen.

Und die haben es mitunter in sich. In Deutschland, dem Musterland verknöcherter, gewachsener Strukturen im Musikbusiness, standen sich bis zum letzten Jahr Musikverlage, Plattenlabels, Urheber-Vertreter, Musikkonzerne und die Gema dermaßen konsequent gegenseitig auf den Füßen, dass sogar ein Erfolg der Industrie-eigenen Shops vereitelt wurde.

Unvergessen ist etwa die Farce, als Bundeskanzler Gerhard Schröder auf der Cebit 2004 feierlich den Industrie-eigenen Shop Phonoline eröffnen sollte: Im Vorfeld erfuhr der Kanzler, dass er damit womöglich eine Straftat begehen würde und konnte darum nur noch beiläufig zur Kenntnis nehmen, dass jemand anderes da auf irgendeinen Knopf gedrückt hatte. Wenige Monate später musste die Industrie eingestehen, dass Phonoline so oder so eine Totgeburt gewesen sei.

Im internationalen Vergleich röchelt auch heute noch der Online-Verkauf in der EU recht kläglich. Zwar konkurrieren auf dem EU-Markt nach Aussage des Musikverbandes Ifpi inzwischen "über 300 legale Musikangebote", von denen manche stolze zwei Millionen Lieder im Angebot hätten. Diese 300 Player aber, hält die EU-Kommission dagegen, setzten gerade einmal 27 Millionen Euro im Jahr um - und der Löwenanteil dieses Miniumsatzes fällt natürlich an Apples iTunes und einige wenige regionale Angebote. Dazu kommen dann noch regional unterschiedliche Preisstrukturen: Musik ist etwa in Großbritannien grundsätzlich teurer als im Rest Europas.

In den USA dagegen läuft die Sache recht unkompliziert. Der dortige Markt habe sich zeitparallel zu fast achtfacher Größe des EU-Marktes entwickelt: Dort wechselte online Musik für 207 Millionen Euro im Jahr den Besitzer. Derweil gäben in Deutschland, mit geschätzt 9,5 Millionen "Downloadern" Europas größter Markt für Online-Musik, noch immer rund 89 Prozent aller Nutzer zu, noch nie auch noch nur einen Cent für Online-Musik bezahlt zu haben: Hierzulande boomt noch immer P2P.

Da sei es Zeit, meint Kommissar McCreedy, den legalen Händlern zumindest die Arbeit zu erleichtern - und sie so auch billiger zu machen: Der Erwerb einer einheitlichen Lizenz für den Verkauf eines Musikstückes müsse für die EU reichen.

Bis jetzt sind das nur mahnende Worte, doch McCreedy versieht sie mit drohenden Untertönen: "Ich werde die Situation intensiv beobachten und wenn ich sehe, dass keine befriedigenden Fortschritte gemacht, werden auch härtere Maßnahmen einleiten." Die Rechteinhaber hätten nun die Wahl: Entweder, sie ließen sich auf eine europäische Clearingstelle für Online-Lizenzen ein, oder aber sie einigten sich untereinander, dass die nationalen Rechteinhaber eben auch internationale, für die EU gültige Lizenzen vergeben könnten.

McCreedy ist sich darüber bewusst, wie wichtig die Klärung dieser Fragen ist: Schon bald werde es nicht mehr nur um Musik gehen. Die Frage betreffe vielmehr alle "Copyright-Güter". So könnte die Frage des Musik-Onlineverkaufs zum Präzedenzfall für die Regelung des EU-weiten Film-, Video- und E-Buchmarktes werden.