Download-Songs
Mit einiger Verspätung beginnt die Musikindustrie, das Geschäft mit Downloads ernstzunehmen. Jetzt, da die Online-Musikläden boomen, will man mehr verdienen - allen voran Apples iTunes soll die Preise erhöhen. Kritiker sehen dadurch den neuen Markt in Gefahr.
Gnarls Barkley haben es vorgemacht. Ihr Song "Crazy" ist in Großbritannien derzeit auf Platz eins der Singlecharts - obwohl die Platte gar nicht im Handel ist. Nur als Datenpaket ist "Crazy" bislang zu haben - und wurde doch innerhalb einer Woche häufiger verkauft als jede andere Single. Die Verkäufe von Hardware-Singles sind in Großbritannien laut BBC dagegen von etwa 80 Millionen pro Jahr anfang der Neunziger auf etwa 20 Millionen im Jahr 2005 zurückgegangen. Das Musikgeschäft wandelt sich.
Vor drei Jahren erst konnte Apple-Chef Steve Jobs die großen Plattenfirmen
von seiner Idee des Online-Musikgeschäfts überzeugen, in dem jedes Stück den
gleichen Preis kostet. Der Aufstieg des iTunes Music Stores zum Marktführer bei
den digitalen Musikdateien brachte viel Geld in die Kassen der Musikfirmen und
half zumindest zum Teil, die Verluste im CD-Geschäft auszugleichen.
In diesem Jahr nun stehen Neuverhandlungen über die Lizenzen an und sie werden
wohl nicht einfach werden.
Im Kern geht es darum, dass die Plattenfirmen mehr Geld für Neuerscheinungen
verlangen wollen als die bislang bei iTunes üblichen 99 Cent, erklärt Matt
Kleinschmit von der Marktforschungsfirma Ipsos Insight. Ob die Kunden dies
akzeptieren würden, ist aber noch völlig offen. "Die Frage ist, ob das jetzt der
richtige Zeitpunkt ist, um mit variablen Preisen zu experimentieren?" Bislang
verdienen die Plattenfirmen rund 70 Cent an jedem Download. Bei einer Anhebung
könnte es deutlich mehr werden. Apple allerdings lehnt Änderungen an seinem
Geschäftsmodell bislang ab.
"Sie werden nur ein bisschen geldgieriger"
Kommentare zu den Lizenzvereinbarungen wollten Apple und die Plattenfirmen nicht
abgeben, ihre Beziehungen waren in jüngster Zeit aber schon angespannt. So
forderte der Chef der Warner Music Group, Edgar Bronfman, dass Apple
verschiedene Preise zulassen und die Plattenfirmen auch an den Verkäufen der
iPod-Player beteiligen sollte. Auch EMI-Chef Alain Levy forderte
unterschiedliche Preise für neue und ältere Titel.
Jobs hingegen argumentiert, schon jetzt verdienten die Plattenfirmen an jedem
Download mehr als an CDs, für die Produktions- und extra Marketingkosten
anfallen. "Wenn sie also die Preise erhöhen wollen, dann heißt das nur, dass sie
ein bisschen geldgieriger werden", erklärte Jobs im September in Paris.
Die Bestrebungen der Musikkonzerne zeigen aber nur, dass sie möglichst viel an
einem Geschäftsmodell verdienen wollen, von dem vor drei Jahren kaum einer
geglaubt hätte, das es bestehen kann angesichts der Übermacht der illegalen
Tauschbörsen. "Die Musikindustrie befindet sich immer noch im Umbruch", sagt
Michael McGuire von der Marktforschungsfirma Gartner. "Und so wie sie sehen,
dass sich ein Markt entwickelt, wollen sie davon profitieren."
Jetzt plötzlich wittert man Gewinne
Vor dem Start von iTunes im April 2003 kam der legale Musikverkauf im Internet
kaum voran. Inzwischen laufen über iTunes 80 Prozent der legalen Musikdownloads
in den USA. Ein Grund dafür ist das einfache Geschäftsmodell - jeder Song kostet
99 Cent (andere Preise gibt es nur bei kompletten CDs). Und diese 99 Cent, so
sagen Experten, könnte für Musikfans eine magische Grenze sein. "Wenn man diese
psychologische 99-Cent-Marke überschreitet, dann geht der Absatz zurück", sagt
Wayne Rosso, der einst die Tauschbörse Grokster führte und nun auch an einem
Download-Geschäftsmodell arbeitet.
Unter Beschuss - wenn auch aus einem anderen Grund - ist die 99-Cent-Marke durch
Musik-Fans geraten. Sie vermuten hier eine illegale Preisabsprache der
Musikkonzerne und haben mindestens zwei Klagen vor Gericht eingereicht. Das
nachzuweisen, dürfte aber nicht einfach werden. Denn dazu ist es nicht nur
notwendig zu zeigen, dass überall der gleiche Preis verlangt wird, sondern dass
dies durch eine Abmachung zustande kam, erklärt James Wade, der früher die
Kartellrechtsabteilung des US-Justizministeriums leitete.
Im Moment, so sagen Analysten, ist Apple mit seiner Marktposition wohl in der
besseren Position bei den Verhandlungen. "Können es sich die Plattenfirmen
wirklich leisten, mit ihrem Katalog nicht bei Apple zu sein?" fragt Kleinschmit.
Möglich ist dies sicherlich.
"Wir können variable Preise einführen und die Preise für Hits anheben", sagt der
Analyst Charles Wolf, "aber das heißt nicht, dass die Kunden dies akzeptieren.
Sie haben noch eine Alternative - sie besorgen sich die Songs kostenlos."
Von Alex Veiga, AP/cis