SPIEGEL
ONLINE - 09. August 2005, 15:51
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Die positiven Aspekte der
Pornografie
Von Holger Dambeck
Nach Meinung der US-Journalistin Annalee Newitz braucht die Menschheit
Pornografie im Internet, weil diese zu mehr Freiheit führt. Datenschützer aus
Deutschland finden die These keineswegs abwegig.
Seit Jahrzehnten kämpft die Frauenbewegung gegen Pornografie. 1987 initiierte
Alice Schwarzer die PorNO-Kampagne, deren Ziel ein Verbot pornografischer
Darstellungen war. "Pornografie schafft ein Frauenbild, das Frauen zu Menschen
zweiter Klasse degradiert", hatte Schwarzer wiederholt erklärt. Pornografie
bedrohe die elementaren Menschenrechte von Frauen: das Recht auf Würde oder
Freiheit, auf körperliche Unversehrtheit oder Leben.
18 Jahre später vertritt die amerikanische Journalistin Annalee Newitz im
Magazin "New Scientist" eine Meinung, über die Schwarzer sehr verwundert sein
dürfte. "Warum jeder von uns Pornografie braucht", heißt es provokant in der
Überschrift des Gastbeitrags.
Es geht der Pressechefin der Electronic Frontier Foundation jedoch keinesfalls
um Provokation. Auf zwei Seiten erklärt sie, welchen Fortschritt die direkte
Darstellung von Sex der Menschheit bereits gebracht hat: Die
"Erwachsenenindustrie" habe den Durchbruch von Videokassetten und DVDs
beschleunigt, gleiches gelte für das Internet.
Für Newitz sind die Gründe für die positiven Effekte von Pornografie klar: Die
genannten Medien seien maßgeschneidert für den privaten Konsum. Die Leute würden
sich lieber zu Hause Filme anschauen als in einem schäbigen
Rotlicht-Etablissement. Pornografie habe die Nachfrage nach neuen Technologien
erhöht.
Das ist nicht wirklich neu. Newitz geht aber noch einen Schritt weiter und
schaut in die Zukunft. Pornokonsumenten würden sich in den kommenden Jahren mehr
und mehr für anonymes Surfen im Web interessieren, prophezeit sie. Heute könne
jeder Surfer über seine IP-Adresse verfolgt und identifiziert werden;
Websitebetreiber könnten in Logs umfangreiche Daten über das Surfverhalten
sammeln. Dank neu entwickelter Anonymisierungstools werde sich dies in Zukunft
ändern, glaubt Newitz.
Als Beispiel nennt sie das Anonymisierungstool Tor, das nach ihren Angaben mit
Geldern der US-Kriegsmarine und der Electronic Frontier Foundation (EFF)
entwickelt wurde. Während es den Militärs vor allem darum geht, unerkannt im Web
recherchieren zu können, kämpft die EFF für Bürgerrechte.
Anonymität im Netz kostet nichts
"Es werden Werkzeuge entstehen, die auch Freiheit und Gerechtigkeit dienen
können", meint Newitz. Das sei eine gute Nachricht für alle politischen
Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten - wie auch für alle, die einfach nur
unbeobachtet surfen wollten.
Der Dresdner Datenschutzexperte Andreas Pfitzmann widerspricht der provokanten
These von der hilfreichen Pornografie nicht: "Ich würde nicht sagen, es ist
unsinnig", sagte er SPIEGEL ONLINE. Wenn es eines Tages eine Nachfrage nach
kommerziellen Anonymisier-Werkzeugen gebe, dann könne die Prognose durchaus
stimmen.
Gegenwärtig gebe es jedoch keinen Markt, weil die Werkzeuge gratis verfügbar
seien. Der Informatikprofessor Pfitzmann weiß, wovon er spricht: Die TU Dresden
betreibt mit JAP selbst
einen Dienst zum anonymen Surfen. Die Bereitschaft, dafür zu bezahlen, sei
unter den Benutzern aber noch zu gering.
"Für uns ist es keine Motivation, Pornografie-Konsumenten zu helfen", betonte
Pfitzmann. Es ginge bei dem Projekt vielmehr darum, den Datenschutz beim Surfen
sicherzustellen, "etwa bei der Recherche über gewissen Krankheiten", der
Arbeitgeber und Krankenkassen nichts anginge.
Den Dresdner Anonymisierdienst nutzen vor allem Surfer aus Deutschland, den USA
und Iran. Ihre IP-Adressen werden beim Umweg über den JAP-Server durch andere
ersetzt - eine Rückverfolgung soll nicht mehr möglich sein. Pfitzmann räumte
ein, dass es durchaus Pornokonsumenten unter den JAP-Benutzern gibt. "Es ist
aber nicht so, dass sich die Nutzung eindeutig auf Pornografie konzentriert."
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