Industrie und P2P
Von Frank Patalong
Ist es möglich, aus einer illegal operierenden P2P-Börse ein legales Angebot zu machen? iMesh will das ab sofort versuchen: Mit einem Geschäftsmodell, das seine Nutzer gegen Zahlung weiter tauschen lässt. Die Branche wartet gespannt. Die potenziellen Kunden auch?
Am 31. Oktober 2000 machte so eine Nachricht noch weltweit Schlagzeilen: Napster, Urmutter der P2P-Börsen, wurde von Bertelsmann eingekauft und sollte auf die legale Seite wechseln. Jetzt, so stellten sich das die damaligen Bertelsmann-Mächtigen Thomas Middelhoff (Vorstand) und Andreas Schmidt (Bertelsmann E-Commerce Group) vor, sollte eine neue Zeit des Musikvertriebes anbrechen. Die Zielvorstellung: Einen möglichst großen Teil der damals fast 40 Millionen Napster-Nutzer für einen legalen Bezahlservice zu gewinnen und zugleich die Technik für einen kostengünstigen Vertrieb zu nutzen.
Der Plan ging bekanntlich überaus gründlich in die Hose.
Die liebe Konkurrenz verweigerte die Mitarbeit, klagte weiter fleißig und trieb
Napster in die Vollparalyse. Im Juli 2001 übernahm Bertelsmann das Ruder beim
einstigen Liebling der P2P-Gemeinde - schon da ging es mehr um Abwicklung als um
Gestaltung der Zukunft. Zumindest die P2P-Technik von Napster wollte Bertelsmann
noch im Oktober 2001 für den Vertrieb seines BeMusic-Dienstes einsetzen.
Rund ein Jahr später verkaufte Bertelsmann die kümmerlichen Reste, maßgeblich
den Namen, für das Taschengeld von 5,3 Millionen Dollar an das US-Unternehmen
Roxio. Da stand Apples iTunes Music Store längst in den Startlöchern - und fegte
bald darauf die kümmerlichen Musikshops der Industrie aus dem Netz. Erst im
Kielwasser von iTunes entstanden dann echte legale Pay-Dienste, unter ihnen
einer namens Napster - auch, wenn den mit dem Original nur noch der Name
verbindet.
Die Zeit für die Verwirklichung des ältesten P2P-Geschäftsmodells war
offensichtlich nicht reif vor fünf Jahren: Mit einem illegalen Angebot "Kunden"
zu sammeln und mit dem so gewonnenen Marktgewicht dann den Schritt in die
Kommerzialität zu wagen. Napster wollte das, KaZaA und wie sie alle hießen - und
iMesh schafft es nun.
Das ist eine Premiere. Tatsächlich versucht die ehemals populäre P2P-Börse
iMesh seit Dienstagabend, in ihren Tiefen Legalität herzustellen: Dort soll
DRM-geschützte Musik gegen Zahlung den Besitzer wechseln und dabei per
P2P-Technik verteilt werden. Was illegal ist, sollen die Filter der Software
künftig killen. Es dürfte spannend werden zu sehen, ob iMesh selbst das
überlebt.
Denn bisher gibt es kein Indiz dafür, dass die Vorstellungen der P2P-Macher über
"Community" oder "Markentreue" irgendeine Basis besitzen. Bisher wechselte das
Gros der P2P-Nutzer einfach binnen weniger Tage das Programm, wenn es der
Industrie wieder einmal gelang, einer P2P-Börse den Garaus zu machen.
"Versuchsballon" einer Branche
iMesh ist nicht nur in dieser Hinsicht ein Experiment. Als es im Prozess der
Industrie gegen iMesh vor mehr als einem Jahr zur Einigung kam, wagten auch die
Musikkonzerne neue Wege: Sie erlaubten iMesh, weiter zu arbeiten, während die
neue Software entwickelt wurde. Hilfreich dürfte dabei der Wechsel von Robert
Summer an die Spitze von iMesh gewesen sein - noch so eine Geschichte, die nur
fünf Jahre früher weltweit Schlagzeilen gemacht hätte: Summer wechselte von der
RIAA zu einer P2P-Börse. Das ist, als übernähme ein FBI-Direktor die Führung der
Corleone-Familie im Chicago der dreiziger Jahre.
iMesh zahlte knapp über vier Millionen Dollar dafür, dass seine User fortfuhren,
"weggefundene", eigentlich Copyright-geschützte Musik zu tauschen. Nur so gelang
es der Börse, ihr eigenes Ende als freies P2P-Angebot mit immerhin fünf
Millionen aktiven Nutzern zu überleben.
Diese fünf Millionen werden in den nächsten Wochen zu Versuchskaninchen.
Wie werden sie darauf reagieren, wenn sich nichts mehr "umsonst" finden und
tauschen lässt? Wenn iMesh sie entweder mit einer monatlichen Abogebühr von 6,95
Dollar oder Preisen für Einzeldownloads konfrontiert?
Für Abonnenten bleibt iMesh eine Art P2P-Börse: Innerhalb des Pools
freigegebener Songs kann man weiter fleißig wühlen und "tauschen", was für den
Anbieter den unschlagbaren Vorteil besitzt, das Gros des Netzwerkverkehrs
schlicht an sich vorbeilaufen zu lassen. Die Nutzer simulieren P2P, ohne
allerdings ihre so ergatterten digitalen Waren auch als CDs brennen zu können.
Zum Start bleibt iMesh in einer "Werbephase" zudem kostenlos: Erst nach zwei
Monaten kommt die dann ultimative Aufforderung zum Abo.
Auch iMeshs Anbindung ans Grokster-Netz bleibt erhalten - nur findet iMesh dort
nichts mehr, was nicht einen digitalen Legalitäts-Segen in Form eines
entsprechenden DRM-Schlüssels besitzt.
Künftige iMesh-Versionen sollen auch DRM-Rechte für MP3-Player enthalten. Selbst
Filme wird man weiter "saugen" und tauschen können - allerdings nur bis zu 50 MB
Größe. Das dürfte den künftigen Filmvertrieb bei iMesh auf Kinotrailer (so
wünscht sich das Unternehmen das) und Pornofilmchen (so wird das in der Realität
wohl eher aussehen) begrenzen.
Vorreiter eines Trends
Mit einem solchen Geschäftsmodell steht iMesh nicht alleine da, das ist Trend:
Ebenfalls noch in diesem Jahr soll Mashboxx online gehen, die neue, legale
P2P-Börse des ehemaligen Grokster-Chefs Wayne Rosso. Hinter der technischen
Kombination von DRM und P2P-Netzwerk steht ebenfalls ein alter Bekannter und
ehemaliger Held der P2P-Szene: Napster-Entwickler Shawn Fanning. Seine neue
Firma Snocap produziert P2P-Vertriebsmodelle für Entertainment- und
Softwarefirmen.
Denn darin liegt durchaus Geld. Die alte Verheißung der Onlinemedien, den
Vertrieb von digitalen Waren unschlagbar billig zu machen, ist nirgends so
perfekt verwirklicht. Im Peer-to-Peer-Netz übernehmen die Nutzer selbst die
Hauptlast des Vertriebs. Insbesondere in BitTorrent-ähnlichen Netzen lassen sich
so die Vertriebskosten auf ein absolutes Minimum begrenzen.
Auch Bertelsmann, das ja schon 2001 entsprechende Pläne hatte, lässt in
ähnlicher Richtung entwickeln. Das Bertelsmann-Unternehmen Arvato trommelt
bereits seit dem Frühjahr für seinen "Secure-Filesharing-Service" GNAB, der -
glaubt man Presseberichten - wie weiland der Kommerz-Napster alle paar Wochen
vor dem Start stehe. Jetzt aber soll es wirklich soweit sein: Als erster
deutscher Anbieter werde Medion noch in diesem Jahr ein erstes P2P-nahes
Musikangebot eröffnen, das auf GNAB beruht. Zunächst nur mit Material von
SonyBMG (Stallgeruch sei Dank!), doch auch mit anderen Labels liefen
Verhandlungen.
Und weil das so schön ist und wir das lange nicht mehr hatten, lässt selbst
Bertelsmann, das sich die Finger an Napster und Middelhoffs Cyber-Visionen einst
so gründlich verbrannte, seine Manager endlich wieder euphorisch visionieren:
Bis zum Jahr 2010, soll Arvato-Chef Hartmut Ostrowski dem "Wall Street Journal"
erklärt haben, rechne Arvato mit einem jährlichen Umsatz der GNAB-Plattform von
200 Millionen Euro. Dabei soll GNAB wohl vornehmlich für den Spiele- und
Filmvertrieb eingesetzt werden.
Doch das ist eine andere Baustelle als der Versuch, eine ehemalige
"Piraten"-Börse zum Shop zu machen. In den Foren von iMesh sorgte die Umstellung
am Dienstag jedenfalls für einige Irritationen. Weil die Börse ihre
Lizenzverträge bisher nur in den USA unter Dach und Fach hat, sahen sich
Schätzungen zufolge rund 60 Prozent der Userschaft direkt vor die Tür gesetzt.
"Beschwere Dich bei der RIAA", lautete die pauschale, entnervte Antwort der
Forenverwalter auf die Vielzahl der Beschwerden.
Genau hier könnte aber tatsächlich der größte Stolperstein liegen, echte
P2P-Angebote zu "legalisieren": P2P-Nutzer interessieren sich nicht für Lizenzen
und Grenzen. Sie sind an eine Software-Plattform gewöhnt, die weltweit
funktioniert. Ob sie ein so gewandeltes Angebot weiter nutzen, ist nicht nur
eine Frage des Geldes, sondern auch des Nutzens und der "Convenience", wie Steve
Jobs sagen würde: Alles muss eben reibungslos laufen.
Nicht nur die Entertainment-Industrie wird die Entwicklung bei iMesh
aufmerksam beobachten. Auch auf Seiten anderer Börsen - eDonkey und LimeWire
sind hier im Gespräch - hängt die unmittelbare Zukunft auch vom Verlauf des
iMesh-Versuchs ab. Denn wie die mächtige RIAA künftig mit Börsenbetreibern
verfährt, wird auch von iMeshs Erfolgen abhängen. Entpuppt sich das
iMesh-Experiment als zukunftsfähiger Weg, P2P zu legalisieren und damit Geld zu
verdienen, wird die RIAA in diese Richtung drängen. Floppt das Ganze, wird sie
versuchen, die Börsen vor Gericht kaputt zu bekommen.
In den Augen der Mehrzahl der verbliebenen iMesh-Nutzer hat die Börse am
Dienstagabend aufgehört zu funktionieren. Ein hoffnungsvoller Start sieht anders
aus.
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