Aus der Rubrik: Filesharing Mittwoch, 10. Mai 2006 von Christian Rentrop http://www.netzwelt.de/news/74095_1-filesharingreport-alle-meine-filme-gucken.html
Saugen, saugen, saugen, das ist die Parole der Profi-Sauger und -Filesharer. Tag und Nacht, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr läuft der Filesharing-Client und füllt die Festplatte mit Daten. Egal ob Musik, Linux-Distributionen, Filme oder Computerspiele, es ist kaum möglich, diese Datenberge zu sichten. Stattdessen sammeln sich spindelweise DVDs und CDs in Schubladen und Regalen, ungenutzt weggebrannt. Der Filesharing-Gedanke wird pervertiert - was geht in diesen Filesharing-Flodders vor? Die netzwelt fragte einige Profi-Sauger.
Der Mensch ist Jäger oder Sammler. Das trifft auch für Tauschbörsen-Nutzer zu. Es gibt Jäger, die, die ein ganz bestimmtes, vergriffenes Lied aus Tauschbörsen laden, um sich daran zu erfreuen. Und es gibt die Sammler, die Tag für Tag die Filesharing-Netze auf ihrem Rechner spiegeln. Dabei ist es kaum möglich, die Daten auch zu sichten: Ein Musikalbum dauert eine Stunde, ein Film zwei und eine komplette Staffel einer Serie sogar gleich zehn oder mehr Stunden. Von Computerspielen, die mehrere Tage in Anspruch nehmen, ganz zu schweigen.
Kaum Chancen, alles anzuschauen
Kaum eine Chance, eine typische Filesharing-Sammlung mit mehreren Serien, Filmen
und gigabyteweise Musik durchzusehen. Von Genuss kann keine Rede mehr sein.
Keine Zeit, die Sachen zu schauen, zu hören, zu spielen, doch das ist ohnehin
egal, es geht nicht mehr um den Gewinn an Lebensqualität, sondern um das bloße
Gefühl, es zu besitzen. Möglicherweise auch, um als wandelnde Medien-Bibliothek
jederzeit seine Freunde, Mitschüler, Kommilitonen und Arbeitskollegen mit einem
Vorab-Rip des neuesten Blockbusters zu versorgen.
"Alle meine Filme gucken? Hölle nein, wie soll das denn bitte gehen? So viel Zeit habe ich doch gar nicht..." O-Ton von Simon*, einem Profi-Sauger aus dem netzwelt-Forum. Mehr als ein halbes Terabyte an illegal kopierten Daten hat der Sharer nach eigener Schätzung in seiner Wohnung allein auf CD und DVD, sauber aufbewahrt in Umzugskartons. Sichtungschancen? Gegen Null. Und auch in Sachen Übersichtlichkeit dürfte die Spindel-Sammlung mit "rund 500 DVDs und CDs" jeden Rahmen sprengen. Hinzu kommen die Daten auf der Festplatte.
Die gepflegte Unübersichtlichkeit
Auch musiktechnisch regiert die Unübersichtlichkeit: Während sich mancher
CD-Sammler schon mit Erreichen seiner fünfzigsten Audio-CD eine Software zur
Medienverwaltung sucht, arbeiten viele Filesharer noch mit bibliothekfreien
Software-Playern wie Winamp. "Ich habe zurzeit etwa 125 Gigabyte an MP3s auf
einer eigenen Musik-Platte", erklärt Daten-Chaot Simon. "Die Lieder sind alle in
128 KBit/s." Insgesamt macht das rund 36.000 Musiktitel, eine kaum hör-,
geschweige denn überschaubare Masse von Songs, sortiert in drei Ordner
"Soundtrack", "Künstler" und "Sonstiges". Der Horror eines jeden Plattenbosses,
ohne Frage.
Simon: "Davon habe ich aber, ob du es glaubst oder nicht, mindestens 16.000 Titel noch nicht ein einziges Mal gehört." Nicht einmal angeklickt. Die MP3s liegen, werden bestenfalls angespielt und übersprungen. Kein schöner Gedanke für all die seriösen Künstler jenseits von Tokio Hotel und Banaroo, die Musik vielleicht noch mit einer Message versehen und sich beim Schreiben der Songs wirklich Mühe gegeben haben. In deren Alben Herzblut steckt, das bei diesem lieblosen Umgang mit Musik jedem Musikfan in den Adern gefriert.
Raubkopieren trifft die Falschen
Obendrein trifft die wilde Raubkopiererei noch die Falschen. So hört einer der
befragten Filesharer "im Grunde genommen alles außer HipHop, Rap, RnB, Techno
und Mainstream-Pop". Also genau das, was nicht nervt. Die Folgen dieses Handelns
sind klar: Wenn der Schrott weniger kopiert wird als die besseren Sachen,
glauben die Plattenfirmen, dass sich mit Schrott besser Geld verdienen lässt.
Das Resultat dieser Entwicklung lässt sich tagtäglich in Formatradio und
Musikfernsehen bewundern.
Die Masse an Daten enthält freilich auch viel, viel Unfug. "Nicht selten ist es so, dass man Sachen findet, die total schrecklich klingen und man sich fragt, warum man sich so etwas nur heruntergeladen hat", bemerkt Medien-Messie Simon. Was natürlich nicht heißt, dass der Kram von der Platte verschwindet: "Ich lösche jedoch grundsätzlich nichts Heruntergeladenes. Auch nicht die ganz grauenvollen Sachen. Bleibt alles drauf", erklärt der Filesharer selbstironisch.
Raubkopierer sind auch gute Kunden
Allerdings hat die Saugerei auch ihre guten Seiten für die Plattenfirmen.
Musik-Freak und Profi-Sauger Martin*: "Es ist mir aber auch schon passiert, dass
ich durch meinen Download-Wahn auf einige Künstler aufmerksam geworden bin, die
jetzt zu meinen Lieblingskünstlern gehören." Und die werden dann tatsächlich
auch gekauft. Natürlich erst nach einer ausgiebigen Probe-Session mit einer
heruntergeladenen Version: "In so einem Fall, wenn mir ein heruntergeladenes
Album sehr gut gefällt, kaufe ich mir die CD auch", so der Filesharer.
Raubkopierer sind also nicht nur Verbrecher, sondern auch ganz normale Kunden: "Was mich am Downloaden absolut stört und was mich auch zum Kauf der Alben anregt, sind die Cover und Booklets. Bei einigen meiner Lieblingsmusiker und -bands lohnt es sich absolut, mal durch das Booklet zu blättern. Schon allein wegen der Fotos, die im Heft zu finden sind, lohnt sich der Kauf allemal", merkt Martin an. Qualitätsbedenken gibt es hingegen selten, 128 Kbps scheinen den befragten Sharern bei Weitem zu reichen - eine Qualitätsstufe bei MP3, die Musikfreunden klanglich die Zehennägel verbiegt, so hörbar sind die Kompressionsrelikte.
Profi-Sauger - Die Robin-Hoods im Medien-Wald?
Grund zur Freude bei Universal, Sony-BMG und Warner? Eigentlich nicht, rechnen
diese doch jedes kopierte Album, jeden kopierten Film als nicht gekaufte Ware
ab, was jedoch nicht den Tatsachen entspricht. Film-Fan und Filesharer Gregor*:
"Ich würde von vornherein in 90% der Filme nicht reingehen, die ich mir gezogen
habe. Daher verstehe ich auch die Filmindustrie nicht, die von
Milliardenverlusten spricht. Ein heruntergeladener Film ist eben nicht gleich
ein Kinogänger weniger."
Stattdessen wird sogar argumentiert, dass Filesharing erst Lust aufs Kino macht: "Alles in allem würde ich sogar sagen, dass ich, seitdem ich im Filesharing richtig aktiv bin, wesentlich öfter ins Kino gehe als vorher", versichert der Dateitauscher gegenüber der netzwelt. Gregor: "Für Filme wie 'Herr der Ringe' fliegt mein Geld automatisch auf die Kinotheke. So denken wirklich viele in der Szene. Gute Filme werden von uns gefördert, und zwar mit barer Münze." Filesharer als die Robin Hoods der Film- und Musikszene? Ein Argument, das Produktionsfirmen kaum teilen können, Kino und DVDs werden mit "Raubkopierer sind Verbrecher"-Sprüchen überpflastert und Musik-CDs mit unmenschlichen Kopierschutz-Methoden versehen.
Die Guten kaufen, die Schlechten saugen
Dabei scheint es, als seien die Filesharer zumindest teilweise vernünftig genug,
zwischen gut und schlecht zu unterscheiden. So wie die Tauben in "Aschenputtel"
- die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen - reagieren Filesharer
auf den alltäglichen Medien-Mist mit einer "die Guten kaufen, die Schlechten
saugen"-Mentalität. Und stoßen dabei immer wieder auf Platten, Filme und Spiele,
die sie sich trotz Kopie noch kaufen. Illegal hin oder her. Bezeichnend, dass
den Saugern jedes Gefühl abgeht, dass sie jemanden mit ihrem Verhalten schädigen
könnten. Keiner, der die Begriffe "illegal", "Diebstahl" oder "Verbrechen" in
den Mund nimmt.
Dennoch: Die Saugerei überwiegt. "Es gibt Monate, in denen lade ich kein einziges Album", lässt Daten-Sammler Simon die Plattenfirmen aufatmen. Allerdings legt er direkt nach: "Mein Traffic-Rekord hingegen liegt bei 26 Gigabyte Musik in einem Monat." Zur Verdeutlichung: Selbst wenn die CDs nicht ins MP3-Format kopiert wären, wären das noch rund 40 komplette Alben. Im MP3-Format werden daraus selbst bei guter Qualität von 320 Kbps locker 200 vollständige Musik-Alben. Wohlgemerkt sind das die Daten eines Sharers innerhalb eines Monats.
Wir hören auf!
Doch das muss nichts heißen: Einige der befragten Sauger sind drauf und dran,
ihre Saug-Sucht an den Nagel zu hängen. Möglicherweise, weil sie merken, dass
die Zeiten gefährlicher geworden sind. Möglicherweise aber auch, weil sie die
Freude am Original entdeckt haben: "Ich bin sozusagen auf dem besten Wege das
Downloaden aufzugeben", erklärt Tausch-Fetischist Martin. "Wenn ich etwas
downloade, dann meist nur noch 'auf Bestellung', sprich wenn ein Bekannter,
Freund oder Verwandter ein Album haben möchte, dann schaue ich, ob ich es finden
kann." Was die Sachlage freilich nicht ent-, sondern verschärft, ist der
"Handel" mit Raubkopien den Publishern doch noch ein größerer Dorn im Auge als
das allgemeine private Filesharing. Auch, wenn diese Form des Handels ohne Geld
erfolgt.
Andere sind bereits ausgestiegen: Eine ehemalige Filesharerin, die anonym bleiben möchte, schließt die Runde: "Alles, was ich mir früher mal heruntergeladen habe, habe ich inzwischen nachgekauft oder gelöscht." Schadensbegrenzung, ohne Frage. Den Plattenfirmen und Filmproduzenten bringt die späte Einsicht nicht die Einnahmeverluste zurück, die durch die Datensammler entstehen. Doch selbst Hardcore-Sharer Gregor gibt einsichtig zu: "Die Filesharer sind nur die Spitze des Eisbergs, wenngleich uns selbstverständlich eine Teilschuld trifft."
* Namen von der Redaktion geändert