Ich ziehe das bis zum Ende durch»
Strafanzeige auch in der Schweiz
Von Peter Sennhauser, tagesanzeiger.ch
«Patti hat gar nichts getan, weder Recht noch Unrecht – punktum!» Ray
Beckerman von der New Yorker Anwaltskanzlei Beldock Levine & Hoffman hat keine
Zweifel, dass Patricia Santangelo ihren Fall gewinnen wird. Ein Sieg wäre ein
Fanal gegen die beispiellose Klageserie, mit welcher die US-Musikindustrie gegen
Inhaber von Internetanschlüssen vorgeht. Jetzt sammeln Sympathisanten im Web
Geld für die Anwaltskosten Santangelos.
Die 43-jährige Hausfrau und allein erziehende Mutter von fünf Kindern sieht sich
einem Goliath gegenüber: Der Verband der US-Musikindustrie, die RIAA, bezichtigt
sie – und 17 000 andere – des Diebstahls. Sie habe auf der
Internet-Musiktauschbörse Kazaa urheberrechtlich geschützte Lieder verbreitet.
Das teilten die Musikkonzerne Santangelo in einem Schreiben mit, nachdem sie von
deren Internetprovider als Inhaberin des inkriminierten Anschlusses
identifiziert worden war.
Nur hat Patti Santangelo je weder von Kazaa noch von P2P gehört, noch hatte sie
eine Ahnung, was «Filesharing» ist – und die angeblich verbreiteten Musikstücke
«sind nicht mein Stil». Deshalb lehnte sie es ab, die angebotene
Unterlassungserklärung zu unterschreiben und die geforderten 7500 Dollar zu
bezahlen. «Ich kann nichts unterlassen, was ich nie getan habe», sagt
Santangelo. Sie beschloss, das Zivilverfahren in Kauf zu nehmen.
Richterin will den Fall verhandeln
Das macht sie zur Ausnahme unter Tausenden, die von der RIAA bedrängt werden,
und sie hat nicht nur die Sympathien der Öffentlichkeit auf ihrer Seite: «Nehmen
Sie sich einen Anwalt», riet die Richterin bei der ersten Anhörung, «ich würde
diesen Fall zu gern in einer Verhandlung sehen.»
Es geht um mehr als den Stil, mit dem die RIAA ihre Macht auf einfache Bürger
loslässt. «Die haben einfach keinerlei Beweise», sagt Ray Beckerman. «Alles, was
sie haben, sind IP-Adressen, von denen aus über Kazaa Songs verteilt wurden.»
Damit gingen sie auf einfache Leute los, so Beckerman. «Ich kenne einen Fall, in
dem eine Frau als Kazaa-Nutzerin beschuldigt wurde», sagt der Anwalt, der sich
auf die Copyright-Klagen der RIAA spezialisiert hat. «Aber sie nutzt einen
Macintosh, und für das Apple-Betriebssystem gibt es gar kein
Kazaa-Zugriffsprogramm.» Ein Dritter müsse sich auf das Funknetzwerk der
Beschuldigten eingeloggt und ihren Internetanschluss missbraucht haben.
Ähnlich liegt Pattis Fall. Sie hat zwar Kazaa auf ihrem PC gefunden, sagt sie.
«Aber es muss dort von einem Freund meiner Kinder installiert worden sein.»
Daraufhin soll die Gegenseite Santangelo aufgefordert haben, die Namen zu
liefern, damit die Klage auf die Kinder ausgedehnt werden könne. «Also habe ich
meine Kinder befragt. Sie haben rund 50 enge Freunde – sehr beliebt, meine
Kinder», lächelte Santangelo verschmitzt in einem TV-Interview.
«Viele der Beschuldigten erzählen die gleiche Geschichte», kommentiert Cary
Sherman, der Präsident der RIAA, «und wir bieten deshalb ja die Möglichkeit
einer aussergerichtlichen Einigung. Aber wichtig ist uns, die Botschaft unter
die Leute zu bringen, dass Musik-Downloads illegal sind.»
Haften Eltern für ihre Kinder?
Die Rücksichtslosigkeit, mit der die Industrie dieses Ziel verfolgt, kommt indes
in der Öffentlichkeit nicht gut an. «Sie senden die Botschaft an die falschen
Leute», enerviert sich Ray Beckerman.
Santangelos Antrag, die Klage sei als unbewiesen abzulehnen, ist von
Bezirksrichterin Colleen McMahon abgewiesen worden – allerdings mit dem
Schlusskommentar, es müsse geklärt werden, ob «Eltern, die Internetanalphabeten
sind und kaum ihre E-Mails abholen können, für Copyright-Verletzungen ihrer
minderjährigen Kinder im Web verantwortlich sind, wenn diese ohne Erlaubnis und
Kenntnis ihrer Eltern Musik herunterladen.»
Die Frage wird aller Aussicht nach von einem Geschworenengericht beurteilt
werden. Anwalt Beckerman hat das Mandat offiziell niedergelegt – aber das dürfte
ein strategischer Schachzug sein, um Pattis Image der einsamen Mutter zu stärken
(Beckerman kommentiert dies nicht). Santangelo jedenfalls will den Fall, der sie
bis jetzt 24 000 Dollar gekostet hat, «bis zum Schluss durchziehen».
Inzwischen sammelt eine Gruppe von Sympathisanten im Internet, um die Kosten für
das weitere Verfahren zu finanzieren – innert einer Woche sind über 5000 Dollar
in Kleinbeträgen zusammengekommen.
«Patti-Sammelaktion»:
http://www.fightgoliath.org
Anwalt Beckermans Blog mit allen Dokumenten und Informationen
recordingindustryvspeople.blogspot.com
[TA | 23.01.2006]