SPIEGEL ONLINE - 14. Dezember 2004, 17:57
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Filmindustrie

Kampf gegen BitTorrent

Bisher konzentrierten sich die Bemühungen der Entertainmentindustrie vor allem auf die Tauschbörse KaZaA. Die aber liegt längst am Boden, während sich BitTorrent fast unmerklich zur Nummer 1 unter den P2P-Anwendungen gemausert hat. Jetzt will ihr die Filmindustrie an den Kragen.

Der "Herr der Ringe"-Regisseur nutzt es, der Linux-Distributor Mandrake sowieso, und jetzt plant auch noch die altehrwürdige BBC, P2P für sich zu nutzen: kein Datentauschprogramm seit Napsters Zeiten ist so umstritten wie BitTorrent. Einerseits hat sich die seltsame Datenschleuder längst zur größten P2P-Plattform der Welt gemausert, belastet den Internet-Verkehr nach aktuellen Messungen mit bis zu 35 Prozent des gesamten Datenverkehres, andererseits verspricht sich auch die IT- und Entertainmentindustrie eine Menge von der Software.

Denn BitTorrent macht Dinge möglich, die früher als unmöglich galten: Die P2P-Software verteilt riesige Datenmengen in rekordverdächtiger Geschwindigkeit - und je mehr Nutzer sich auf der Torrent-Plattform tummeln, desto schneller wird sie, Stau ausgeschlossen.

Möglich macht das ein so umständliches wie geniales Programmprinzip. Das macht jeden Downloader zeitgleich zum Uploader, denn eigentlich greift sich der BitTorrent-Nutzer nur die Daten aus einem Datenstrom ab, der über seinen Rechner läuft. Während er Daten von anderen Nutzern bezieht, bedient er gleichzeitig andere.

Denn bei BitTorrent muss man nicht über die vollständige Datei verfügen. Die Nutzer verteilen auch Dateifragmente, die sie von einer vollständigen Quelldatei, dem so genannten Seed, beziehen. Weil der eine schon mehr Datenhäppchen besitzt als der andere, können dann auch Downloader zum Upload beitragen.

Das ist, als stapelte man gefüllte Wassergläser und begänne, sie von oben her mit Farbe (dem "Seed") zu befüllen. Die überlaufende Flüssigkeit würde das Wasser nach und nach umfärben, bis alle Gläser vollständig umgefärbt wären. An der Verteilung der Farbe jedoch wären sie vom ersten Augenblick an beteiligt. Je mehr vollständig umgefärbte Gläser im oberen Teil der Pyramide stünden, desto schneller liefe der Prozess ab. Das ergibt den Torrent-Effekt: Je mehr User, desto schneller das Netzwerk.

Verlockend: attraktive legale Anwendungsmöglichkeiten

Der Entertainmentindustrie ist das seit langem ein Dorn im Auge, zugleich aber lockt es sie auch. Mit dem BitTorrent-Prinzip ließen sich gigantische Datenmengen verteilen, ohne dafür extra eine Serverinfrastruktur aufbauen zu müssen. Der Linux-Distributor Mandrake verteilt so seine Software, Peter Jackson sein tägliches Video-Tagebuch vom King-Kong-Dreh, und nun baut die BBC unter dem Namen "Flexible TV" ein TV-Verteilnetz auf, das auf dem Torrent-Prinzip aufsetzt. Prinzipiell würde da ein Homecomputer und eine DSL-Leitung reichen, um ein landesweites Video-on-demand-Netzwerk aufzubauen. Das hat was.

Vielleicht ließ die amerikanische Filmindustrielobby MPAA auf ihrer Pressekonferenz zum Thema Filmpiraterie deshalb durchblicken, dass sie "nicht unbedingt" plane, den BitTorrent-Erfinder Bram Cohen verklagen zu wollen. Mit den cleveren Fädenziehern der Torrent-Welt will man es sich nicht unbedingt verscherzen (einmal abgesehen davon, dass es schwer fallen dürfte, Cohen wegen irgend etwas verbotenem zu bezichtigen). An einem aber ließ sie keinen Zweifel: Künftig zielt sie vor allem auf BitTorrent.

Mit den bisherigen Methoden wird das wohl kaum klappen. BitTorrent braucht keinerlei Server, keine permanente Verschaltung der Nutzer miteinander. Eine permanente Überwachung des Torrent-Datenverkehres ist somit fast unmöglich. Die Anwendung fußt auf einem völlig anderen Prinzip:

Angriffspunkte in diesem Dreieck aus Webseite, Tracker und User sind vor allem die beiden permanent im Web zu findenen: Webseite und Tracker.

Es hat begonnen: die erste Runde läuft

Tatsächlich geht eine Abmahnungswelle durch die Torrentszene, Webseiten verschwinden fast so schnell, wie neue entstehen. Große, populäre Torrentseiten wie Suprnova haben zunehmende Stabilitätsprobleme, sind zeitweilig nicht zu erreichen. Doch ein Vorgehen gegen die Torrent-Verzeichnisse funktioniert nur da, wo eine rechtliche Basis dafür gegeben ist. Servern in Staaten, die mit westlichen Justizbehören eher selten kooperieren, wäre fast nur mit Hackermethoden beizukommen - doch mit solchen illegalen Methoden wie Denial of Service-Attacken arbeitet die Industrie bisher angeblich nicht.

Bleiben die Tracker, und genau denen will die Industrie nun vor allem an den Kragen. Sie sind der größte Schwachpunkt im System. Denn sobald der Tracker wegfällt, kollabiert der Datenstrom - die Torrent-Nutzer sind nicht mehr in der Lage, sich gegenseitig zu finden.

Bisher ist die Jagd auf die Tracker eine reine Absichtserklärung. Wie genau die MPAA an sie herankommen will, wurde bisher nicht erklärt. Denn Tracker können überall sein, theoretisch kann auch jeder Nutzer einen Tracker eröffnen - wenn er will sogar nur für kurze Zeit. Denn im Gegensatz zu KaZaA und Co fällt es im Torrent-Netzwerk leicht, abzutauchen und kleinere, subversive Tauschgruppen aus der Taufe zu heben.

Eine mögliche, zukünftige Anwendung könnte beispielsweise in einer Kombination aus automatisiertem RSS-Newsfeed und einem BitTorrent-Client bestehen. In einem solchen Modell würde man über den "Newsletter" bestimmte Filme (oder Musikalben) bestellen und der Download begänne automatisch, sobald der BitTorrent-Client per RSS-Feed eine Torrent-Datei serviert bekäme. Die verwiese dann auf einen Tracker, der nur wenige Stunden (oder weniger) im Netz zu finden wäre.

Aus dem P2P-Nutzer würde eine Art Film-Abonnent - und genau das ist zugleich Traum und Albtraum der Filmindustrie. Denn ihr fehlt zur Peitsche noch das Zuckerbrot, sie hat dem illegalen Online-Filmvertrieb keine legale Alternative entgegen zu setzen. Was wäre da besser geeignet als eine Torrent-Plattform?

Frank Patalong

SPIEGEL ONLINE - 11. Februar 2005, 15:01
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Auch LokiTorrent geschlossen

MPAA macht Jagd auf BitTorrent- und Donkeyseiten

Die US-Filmlobby hat einen zweiten Schwung Klagen gegen populäre eDonkey- und BitTorrent-Angebote auf den Weg gebracht. Verschwinden nun die letzten großen Verteilerseiten?

"Mit dem ersten Schwung Anzeigen und Klagen gegen Individuen, die den Diebstahl von Filmen fördern, ist es uns gelungen, den Datenverkehr über diese Seiten ernsthaft zu behindern oder sie sogar ganz zu schließen", sagte John G. Malcolm, oberster Piratenjäger der MPAA auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz in Washington. "Das war nur der erste Schritt."

Den zweiten lässt die MPAA in diesen Tagen folgen: Schon sind Klageschriften auf den Weg gebracht, und die richten sich sehr gezielt gegen die Betreiber von BitTorrent- und eDonkey-Verzeichnissen. Schon jetzt mit einigem Erfolg, wie Malcolm verkündete: "Wir kriegen sie!"

Zum Beispiel Edward Webber, und das ist ein echter PR-Erfolg für die MPAA. Webber ist der bisher weitgehend anonyme Betreiber von LokiTorrent, der sich im Rahmen der ersten Klagewelle noch publikumswirksam gegen die MPAA gewehrt hatte. Mit einer Spendenaktion hatte er versucht, seine Anwaltskosten zu decken, was aber offenbar nicht auf Dauer gelang - Webber, ließ die MPAA wissen, habe nicht nur eine empfindliche Schadenersatzsumme zahlen müssen, sondern auch eine strafbewehrte Unterlassungsklage unterzeichnet.

Damit verschwindet auch LokiTorrent, für einige kurze Wochen Haupterbe der ebenfalls in den Stillstand geklagten Seite SuprNova. Die Schließung von LokiTorrent könnte jedoch weit schlimmere Folgen nach sich ziehen: Webber hat sich augenscheinlich verpflichtet, auch seine Datenbestände der MPAA zu öffnen. LokiTorrent war jedoch eine Webseite, für die man eine Registrierung brauchte: Die MPAA erhofft sich nun die Möglichkeit, sowohl "Befütterer" als auch Nutzer der Webseite zurück verfolgen zu können.

Parallel zu den Klagen gegen BitTorrent-Seiten hat die MPAA damit begonnen, Serviceprovider, über deren Server eDonkey-Angebote laufen, abzumahnen.

Die Luft wird dünn im P2P-Land

BitTorrent und eDonkey hatten sich im Verlauf des letzten jahres vor allem wegen ihrer großen Geschwindigkeit als wichtigste P2P-Börsen etabliert. Zumindest BitTorrent hat von dieser Geschwindigkeit auch durch die Klagen der Musikindustrie nichts eingebüßt - nur wird es für die Torrent-Nutzer immer schwerer, überhaupt die Dateien zu finden, die sie suchen.

Weitgehend intakt bleiben bisher kleinere Torrent-Zirkel mit - in jedem Sinn des Wortes - sehr spezialisierten Tauschinteressen. Die ersten Klagewellen der Filmindustrie richteten sich gezielt gegen die bekannten Verteilerseiten mit einem großen, den Mainstream bedienenden Angebot.

Mit überraschend großem Erfolg: Sowohl BitTorrent als auch eDonkey fußen auf so genannten "Tracker"-Servern, die erst die Verschaltung von Dateianbietern mit Dateisuchern ermöglichen. Fallen die Tracker weg, kommt der Datenverkehr schnell zum erliegen.

Seit einigen Wochen versucht ein bisher unbekannter Anbieter, mit dem Programm "Exeem" das Torrent-Netz aufrecht zu halten. Anders als bei "echten" BitTorrent-Programmen erzwingt Exeem, dass jeder Teilnehmer am Netz auch Tracker-Funktionen übernimmt. Exeem wurde in der P2P-Community jedoch mit nur verhaltenem Applaus begrüßt: Schnell stellte sich heraus, dass die Software mit Spyware verseucht ist.

Eine gehackte Lite-Version ohne Spyware war zwar nach wenigen Tagen im Umlauf, hat Exeem aber bisher auch nicht zur Massenanwendung gebracht. Das Programm hat - im Gegensatz zu BitTorrent - Probleme mit Firewalls und Routern, auch die Geschwindigkeit lässt sich mit dem Torrent-Netz nicht vergleichen.

Hartnäckigen P2P-Anwendern bleibt derzeit nur der Rückgriff auf bewährte Börsen wie die Gnutella-Netzwerke, die aber als unerträglich langsame Blindschleichen gelten und zur Verteilung von Filmen nicht wirklich tauglich sind. Die Musikindustrie freuts, die Filmfans weniger: Sie werfen der Industrie nicht zuletzt vor, dass sie zwar gegen die Börsen klage, selbst aber keine legale Alternative zur Verfügung stelle.

Die aber wird über kurz oder lang kommen, kostenpflichtig sein - und mit höchster Wahrscheinlichkeit auf einem BitTorrent-Programm beruhen. Erste Versuchsballons lässt die Entertainment-Branche längst starten: In Großbritannien arbeitet die BBC an einem auf BitTorrent basierenden Video-on-demand-Dienst.

Frank Patalong