DER SPIEGEL 40/2006 - 02. Oktober 2006
URL: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,440447,00.html
Von Sebastian Matthes
Es gibt viele Arten, im Internet mit dubiosen Methoden reich zu werden. Zwei junge Männer sind dabei besonders raffiniert. Jetzt wollen sich ihre Opfer wehren.
Lydia Pinno, 17, sollte für die Schule Vornamen recherchieren. Tanja Rower,
34, brauchte Bastelmotive. Und David Dambach, 16, suchte nach Liedern und Videos
seiner Lieblingsband. Im Internet gelangten sie auf die Seiten
vornamen-heute.com, basteln-heute.com und p2p-heute.com.
Pinno bekam, was sie suchte, Rower nicht, und Dambach loggte sich gar nicht erst
ein. Nur eins hatten am Ende alle: eine Rechnung über rund 120 Euro von einem
Anwalt namens Olaf Tank.
Sie hätten, schrieb er, im Internet einen Vertrag mit der Firma Andreas & Manuel
Schmidtlein GbR geschlossen und stellte "strafrechtliche Konsequenzen" und
"Ermittlungen" in Aussicht. Alle drei hatten keine Ahnung, wie sie zu einem
Abo-Vertrag gekommen sein sollten. Und wie ihnen ging es vielen anderen
Internet-Nutzern, die Dutzende ähnlicher Seiten anklickten, darunter
lehrstellen.de und hausaufgaben-heute.de, die sie unmittelbar auf
Schmidtlein-Seiten umleiteten und dann Post vom Anwalt provozierten.
Denn wer auf diesen Seiten seine Daten eingibt, um das Angebot zu testen, wie es
heißt, beginnt nach kurzer Zeit ein Zweijahresabonnement. Kosten: stattliche 168
Euro. Wer nicht zahlt, dem droht Ärger mit Anwalt Tank.
Betreiber dieses Websites-Imperiums sind Andreas, 32, und Manuel Schmidtlein,
22, aus dem hessischen Büttelborn. Sie machen Geschäfte mit der Unaufmerksamkeit
der Internet-Nutzer, die den Preis im Text überlesen.
Für die Brüder, die mit Internet-Abzockereien vermutlich schon mehrere
Millionen Euro umsetzten, interessiert sich nun neben den Verbraucherzentralen
auch die Staatsanwaltschaft. Mindestens 1200 Anzeigen stapeln sich in den
Amtsstuben, und täglich werden es mehr. Inzwischen melden sich auch Geschädigte,
die behaupten, nie auf einer der Schmidtlein-Seiten ihre Daten preisgegeben zu
haben.
"Das riecht doch verdächtig nach Betrug", sagt Anwalt Patrick Wauer, der 50
Schmidtlein-Opfer vertritt. Die Brüder waren für eine Stellungnahme nicht
erreichbar. Eine Sekretärin teilte mit, dass die beiden grundsätzlich nicht zu
sprechen seien.
Das Unterschieben von Abos ist zurzeit eine der beliebtesten Maschen von
Internet-Abzockern. Hunderte Reingelegte schreiben sich in Web-Foren die Wut von
der Seele und überschwemmen die Verbraucherzentralen mit Beschwerden. Neben den
Schmidtleins, die ihre Geschäfte teilweise noch im Elternhaus betreiben, gibt es
im deutschen Sprachraum Dutzende ähnlicher Anbieter. Von der Berechnung der
Lebenserwartung über Produkttests und SMS-Versand bis hin zu ausgefallenen
Sex-Wünschen - für jede Schwäche ist im Internet ein passendes Abonnement zu
haben.
Viele sind allerdings ihr Geld nicht wert. 168 Euro kostet das zweijährige
Schmidtlein-Abo, für zahlreiche Nutzer dürfte es eher nutzlos sein. Wer
beispielsweise songtexte-heute.de abonniert, kann 24 Monate belanglose
Informationen über das Tauschen von Dateien im Internet abrufen. Keine Spur
dagegen von Liedzeilen berühmter Popkünstler. Auf anderen Schmidtlein-Seiten
finden zahlende Nutzer Texte, die es woanders auch kostenlos gegeben hätte.
Schon vor Jahren war der große Bruder Andreas gut im Geschäft mit sogenannten
Dialern. Das sind Programme, mit denen der Computer eine Verbindung über teure
0900-Leitungen aufbaut. Etliche Kinder fielen bei der Suche nach Hausaufgaben
und Spielen auf solche und ähnliche Tricks herein.
Nachdem der Gesetzgeber die Dialer-Anbieter Ende 2003 per Gesetz an die kurze
Leine nahm, setzten die Brüder aufs Bezahlen per Handy. Wer an die begehrten
Hausaufgaben wollte, sollte seine Nummer eintippen, quasi als Zugangspasswort.
Im Kleingedruckten stand noch, dass damit ein Vertrag geschlossen sei - über
rund zehn Euro.
Von knapp fünf Millionen Euro Schaden ist die Rede, allein aus der Handy-Zeit.
Und als die Mobilfunkfirmen auch diesem Geschäftsmodell ein Ende bereiteten,
verlegten sich die Schmidtleins offenbar auf Zweijahresabos.
Inzwischen betreiben die Brüder trübe Geschäfte auch mit Firmen in Österreich
und Großbritannien. Sie sind Teil einer Abzocktruppe, die länderübergreifend
tätig ist und deren Web-Seiten teils untereinander verlinkt sind. Einige dieser
Geschäftemacher haben die Internet-Nutzer bereits vor Jahren mit teuren Dialern
abkassiert.
Die bunteste Figur im Schmidtlein-Bekanntenkreis ist Bernhard Syndikus. Der
Münchner Anwalt saß bereits in Untersuchungshaft, weil ihm die
Staatsanwaltschaft Verbindungen zum größten deutschen Raubkopienetzwerk vorwirft
(SPIEGEL 39/2004), und wartet immer noch auf seinen Prozess. Syndikus bestreitet
alle Vorwürfe.
Der 48-Jährige vertritt die Schmidtleins vor Gericht. Von Internet-Seiten, als
deren Ansprechpartner er eingetragen ist, führen Links zu den Angeboten der
Brüder aus Büttelborn.
Bisher ist es niemandem gelungen, diese Strukturen aufzubrechen. Denn in der
Regel nutzen die findigen Geschäftemacher nur Gesetzeslücken aus, bis ihnen
Ärger droht. Dann ändern sie ihre Masche. Dem wollen viele Betroffene nicht
weiter zusehen.
Während die meisten mit Anwälten und Anzeigen gegen die Schmidtleins vorgehen,
wollen manche mit mindestens 350 anderen Geschädigten vor dem Schmidtleinschen
Elternhaus demonstrieren. Unter ihnen sind viele Eltern, die einen Brief von
Anwalt Tank bekommen haben, so wie die Mutter von Lydia Pinno.